ALLESANDERSPLATZ

Beobachtungen kollektiver Stadtentwicklung

Isis Rampf (Berlin)

Abb. 1: Schriftzug ALLESANDERSPLATZ auf dem Haus der Statistik, 2019.

 

Urbanisierung, Beton, Stein, verschwindendes Grün – mehr als die Hälfte der Menschen lebt heute in Städten. Eine dieser Städte ist Berlin. An ihrem zentralsten Ort und größten Verkehrsknotenpunkt, dem Alexanderplatz, steht der Gebäudekomplex Haus der Statistik, der in den letzten elf Jahren langsam zur Ruine verkümmerte. Im Zeitraum von Juni 2019 bis Oktober 2020 begleitete ich filmisch den Prozess der Transformation dieses Ortes, an dem durch Pionier*innennutzungen versucht wird, ein alternatives, gemeinwohlorientiertes Konzept von Stadt zu entwickeln. Stimmen und Bilder aus dem daraus entstandenen Dokumentarfilm Allesandersplatz sowie Überlegungen zu seiner Dramaturgie werden in diesem collagierten Essay um die Aspekte von Fluktuation, von Partizipation und des Commoning erweitert und als Möglichkeiten einer kollektiven Stadtentwicklung verstanden. Anstatt vollständige Definitionen herauszuarbeiten, werden assoziativ verschiedene Aspekte des Konzepts einer alternativen Stadt beleuchtet. Kann der Allesandersplatz ein Vorbild für eine offene, nachhaltige und diverse Zukunft sein? Ein Ort, an dem alles anders ist?

 

Der Begriff „Allesandersplatz“, der 2019 während der Berlin Art Week eingeführt wurde, steht als symbolischer Begriff für das Haus der Statistik, das ehemalige Statistische Amt der DDR, und die dortigen Aktivitäten. Mit Pionier*innennutzungen, die sich Sozialem, Kunst oder Kultur verschrieben haben, wird getestet, was das zukünftige Quartier auszeichnen soll und welche Nutzungen nach der Renovierung und Nahverdichtung einziehen werden. In einem geschützten Rahmen von kommunalem Eigentum werden Lebensweisen einer möglichen Zukunft erprobt. Zusammen arbeiten Stadt, Verwaltung, Planer*innen, Architekt*innen, Künstler*innen und eine Bürger*inneninitiative daran, einen Ort mitten im Zentrum Berlins zu schaffen, der gemeinwohlorientiert ist.

Abb. 2: Fassade des Hauses der Statistik und der Werkstatt, von der Karl-Marx-Allee aus gesehen.

 

 Der dokumentarische Film Allesandersplatz (Regie: Isis Rampf, 2020) begleitet fünf Protagonist*innen und das Haus in seiner Entwicklung von Juni 2019 bis Oktober 2020 und beobachtet, wie die verschiedenen Akteur*innen gemeinsam an einem alternativen Konzept von Stadt arbeiten. Der Film basiert auf drei Erzählsträngen. Zum einen wird die historische Entwicklung des Gebäudes im Gesamtkontext des Alexanderplatzes betrachtet. Mit Archivfotos und Voice-Over wird vom zerbombten Nachkriegsberlin zum sozialistischen Stadtzentrum bis hin zur heutigen Konsumlandschaft des Alexanderplatzes und den dort neu entstehenden Luxushochhäusern, finanziert durch Großinvestor*innen, erzählt. Erst eine historische Betrachtung ermöglicht es, den Gegenstand des Urbanen zu analysieren, denn „die Wissenschaft der Stadt erfordert eine historische Periode, um sich herauszubilden und die gesellschaftliche Praxis zu lenken“ [Lefebvre 2019: 158]. Durch die historische Positionierung im Film wird die aktuelle Entwicklung des Allesandersplatz kontrastiert und verstärkt. Gleichzeitig stellt die Darstellung der aktuellen baulichen Entwicklungen, der teilweisen Durchführung des Kollhoff-Plans der 1990er-Jahre[1] und damit einer Luxusbebauung, auch eine Leitfrage des Films: „Wer kann sich diese Zukunft noch leisten?“ Oder anders gefragt:

„Wo, wo, wo wollen wir wohnen und wo sind die Visionen? Wie, wie, wie wollen wir leben? Uns nicht zufriedengeben. Wer, wer, wer verdient die Millionen? Wohnen soll sich nie mehr lohnen. Wann, wann, wann fangen wir an? – Die Häuser denen, die drin wohnen.“

Chor der Statistik und Bernadette La Hengst

 

Die Lieder des Chors der Statistik, der von der Popmusikerin und Stadtaktivistin Bernadette La Hengst geleitet wird, begleiten den Film Allesandersplatz und stellen Fragen danach, wie Stadt und Gesellschaft gestaltet werden können.

 

Von Pioniervegetation zum gehegten Wachsen

 

Abb. 3: Plakataktion 2015

 

Die Haupthandlung des Films erzählt von der Entwicklung des Gebäudes ab 2015. Archivmaterial zeigt die Guerilla-Aktion mit der Forderung „Hier entsteht Raum für Kunst, Kultur, Soziales“ der Aktivist*innen von AbBA (Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser). Sie erwirkten im Jahr 2015, dass das Gebäude nicht wie im Kollhoff-Plan vorgesehen abgerissen, sondern stattdessen als Modellprojekt entwickelt wird. Die Erzählung setzt dann wieder 2019 mit dem Einzug der Pionier*innen in das Haus ein. Sie zeigt die Protagonist*innen und das Haus im Experiment auf dem Weg zu alternativen Formen von Arbeiten und Leben, aber auch die Realität der Entkernung und der Baustelle, die parallel am Haus der Statistik fortgeführt wird.

Das Wachsen des vom Verein Sun Seeker e. V. aufgebauten Gemeinschaftsgartens am Allesandersplatz spiegelt eine dritte symbolische Ebene. Der Kreislauf von Aufbau, Aussaat, Wachstum, Ernte und Verarbeitung ist eine Analogie für das gehegte Wachsen und die Phase der Entwicklung von der Ruine zur Lebendigkeit des Hauses der Statistik. Der Jahreszyklus der Pflanzen zeichnet ab, wie sich die Pionier*innennutzungen aufbauen, etablieren, weiter wachsen und ein neues Ökosystem in der Stadt schaffen.

Abb. 4: Verlassene Gänge im Haus der Statistik vor dem Entkernungsprozess.

 

Die Dramaturgie des Films folgt dem Prozess von Leerstand zu Wachstum und Fülle und nimmt diese dynamische Entwicklung auf. Dies wird nicht nur durch die Narration, sondern auch durch die Bildgestaltung und die Musik unterstrichen. Die Leitmusik, die für den Film geschrieben wurde, intensiviert sich von wenigen Tönen zu immer größerer Präsenz und Klangvielfalt. Sie betont durch den Einsatz des Schlagzeugs das Städtische und Industrielle, wird aber im Verlauf weicher und bunter. Die Pionier*innen verändern das Haus und gestalten ganz aktiv den Allesandersplatz. Das Haus beginnt zu leben.

 

Abb. 5: Darsteller*innen des Nie Theater e.V., Aufführung des Stücks Zurück nach Rhinotown an den Bühnen der Statistik, August 2020.

 

Der Allesandersplatz wird zu einer Projektionsfläche von Kontrasten wie Bunt und Grau, Stadt und Natur, Beton und Pflanze, Kapitalismus und Alternativkultur. Der Film lässt das Gebäude eine eigene Sprache entwickeln. Das Gebäude wird als Akteur betrachtet, der Einfluss nimmt. Das Haus ist Kristallisationspunkt der verschiedenen Pioniernutzenden, die verbunden sind durch das kollektive Ziel, einen alternativen Stadtraum zu schaffen, aber auch durch die physische Anwesenheit im Haus selbst. 

„Die Tatsache, dass es eben aus dem Nichts heraus etwas schafft, was von oben nicht gesteuert ist, das ist dieses Pionierhafte. Ein anderer Vergleich ist die Pioniervegetation, die wir hier auch vor Ort hatten, also wirklich Pflanzen, die es schaffen, mit ganz minimalem Boden zu wachsen, zu arbeiten. Es gibt eben auch in der Natur nur wenige Pflanzen, die dafür prädestiniert sind und die dann wiederum den Humus für die nachfolgende Vegetation bilden. Und so ähnlich kann man sich das hier vorstellen. Das ist ein großes Ökosystem, in dem wir jetzt gerade in so einer frühen Pioniervegetation sind, wo aber letztendlich entscheidende Schritte stattfinden, damit am Ende ein großes Biotop entstehen kann.“

Harry Sachs

 

Protagonist*innen einer gemeinwohlorientierten Stadt

Henri Lefebvre forderte 1968 in Le droit à la ville, dass die Bürger*innen an der Stadt teilhaben müssen [vgl. Lefebvre 2019: 94]. Die Akteur*innen am Allesandersplatz gestalten schon jetzt das Quartier der Zukunft. Es ist eine auf aktive Partizipation und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung ausgerichtete Stadtplanung.

Einer dieser Akteur*innen ist der Mitinitiator des Projekts, Künstler und Stadtaktivist Harry Sachs. Er hängte 2015 das Plakat mit der Forderung „Hier entsteht Raum für Kunst, Kultur und Soziales“ an die Fassade des Hauses der Statistik, mit dem alles begann. Sachs ist zudem Teil der Initiative Haus der Statistik, die heute als ZUsammenKUNFT eG (ZKB) agiert. Zusammen mit vier anderen Kooperationspartner*innen (Koop5: Senat für Stadtentwicklung, Berliner Immobilien Management BIM, Wohnbaugesellschaft Mitte WBM, Bezirksamt Mitte, ZUsammenKUNFT eG) planen sie die Entwicklung des Gebäudes.

 

„Wenn man es wirklich auch schafft dem Alexanderplatz und dem Zentrum ein Quartier gegenüberzustellen, was aufzeigt, wie eine Stadt auch anders aussehen kann und, die wichtige Fragen stellt und vielleicht auch Antworten liefert, wie eigentlich Stadtentwicklung funktionieren muss und welche Elemente zentral sind für die Zukunft unserer Städte. [...] Und das, was hier entsteht, das ist, wenn man jetzt dieses pure ökonomische Kapital mal beiseitelegt, eine Form von kulturellem und sozialem Kapital, was den kompletten Alexanderplatz überragt. [...] Und es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit bis der Alexanderplatz auch diese Ressource haben will. Wir müssen dahin kommen, dass irgendwann klar ist, dass die Stadt grundsätzlich diesen anderen Ort haben will.“

Harry Sachs

 

Zusammen mit Nina Peters, Koordinatorin und Botschafter*in des Projekts, sammeln sie die Erfahrungen der Pionier*innen, um sie in die Planung des zukünftigen Quartiers einfließen zu lassen und an die Partner*innen und die Gesellschaft zu vermitteln. Physischer Ort dieses Zusammenfindens von Ideen und Erfahrungen ist die Werkstatt des Hauses der Statistik.
Richard Sennett bezeichnet das Modell der Werkstatt in seinem Buch Zusammenarbeiten als „Modell für kontinuierliche Kooperation“ [Sennett 2019: 83]. Es ist ein Ort, an dem verschiedene Fähigkeiten zusammenlaufen und wo diese gegenseitig ausgetauscht werden, um so zu einem gemeinsamen Ergebnis oder Produkt zu kommen. Den unterschiedlichen Stimmen der Pioniernutzenden wird darin Raum gegeben, aber es werden auch Erkenntnisse gewonnen, welche Prozesse, Ideen und Experimente gelingen und welche nicht funktionieren, um danach zu analysieren, welche Bedingungen es für ein anderes Konzept von Stadt braucht.

Die Pionier*innen sind diejenigen, die in der Praxis vor Ort experimentieren. Die drei im Film vorgestellten Protagonist*innen stehen jeweils für eine konkrete Idee der Produktion einer alternativen Stadt. Sie verbindet ein Konzept von Stadt, die nachhaltig und kollektiv gestaltet ist.

 

„Die große Vision, ein Zentrum zu schaffen, ein Zentrum für zirkuläres Wirtschaften, in dem praktisch so wie auf einem alternativen Wertstoffhof Materialien ankommen und in die verschiedenen Materiallager einfließen. Das können so wie bei mir eben Rohstoffe sein wie Holz, Glas, Textilien, aber auch Möbel, die vielleicht repariert werden müssen oder die noch in Ordnung sind, einfach nur nicht mehr dem Besitzer entsprechen, also in ein Sozialkaufhaus etc. können, und dafür eben einen physischen Ort zu schaffen, wo auch neben dem Gebrauchtmateriallager Werkstätten sind, die wiederum direkt etwas verwandeln. Die das Material entweder veredeln oder so verarbeiten, dass es sofort wiederverwertet wird, also wirklich in Kreisläufe zu bringen an einem physischen Ort.“

Simone Kellerhoff

 

Für alternatives Wirtschaften ohne Überproduktion und Wegwerfgesellschaft setzt sich Simone Kellerhoff mit der „Material Mafia“ im Haus der Materialisierung am Haus der Statistik ein. Dieses beschäftigt sich mit geschlossenen Wertschöpfungskreisläufen. Es geht dabei nicht um Profit, sondern darum aufzuklären und Wissen zu vermitteln, um ein alternatives Wirtschaftssystem abseits kapitalistischer Konsumstrukturen aufzubauen.

 

Abb. 6: Simone Kellerhoff bei der Arbeit in ihrem Lager im Haus der Materialisierung.

  

„Der Kunstbegriff, der bei uns am verbreitetsten ist, ist, dass es interaktiv sein soll, dass die Leute [...] ganz praktisch Erfahrungen machen können. Und dieser andere Kunstbegriff, der ist nicht sehr verbreitet in der Stadt. Und das ist was, wo ich denke, dass wir auch langfristig eine Aufgabe haben, zu zeigen, wie man nicht nur mit mehr füreinander sein, mit mehr Selbstverantwortung, mit mehr keinen Dreck hinterlassen, die Stadt verbessern kann, sondern auch das von der künstlerischen Seite zu betrachten.“

Holger Wessels

 

Holger Wessels engagiert sich als Vorsitzender des Berlin Burner e. V., dem deutschen Fanverein des Burning Man Festivals in Nevada, USA. Er hat zusammen mit den anderen Vereinsmitgliedern einen Raum im Haus der Statistik als Treffpunkt und Ausstellungsraum renoviert und bezogen. Nach dem amerikanischen Vorbild des Festivals Burning Man ist alles selbstorganisiert [vgl. German Burners 2023]. Jedes Mitglied gibt das dazu, was es kann und möchte. Es gibt keine Hierarchien. Die Burners versuchen ihre Prinzipien von Inklusion über gesellschaftliche Verantwortung hin zur Selbstorganisation durch ihre Veranstaltungen zu vermitteln. Mit ihren Ansätzen versuchen sie, durch Kunst und Kunstvermittlung die Stadt bunter, offener und inklusiver zu gestalten.

 

„Wir bauen hier in Mischkultur an, genauso wie das Haus der Statistik. Eigentlich alles kunterbunt in so ein Beet reingeschmissen. Es ist die perfekte Symbiose eigentlich in der Erde – also die einen nehmen was raus, die anderen geben etwas rein. So sehe ich auch die Pioniernutzung oder so funktioniert ja auch hier die Pioniernutzung. Anders würde das Haus der Statistik gar nicht funktionieren.“

Jonas Merold

 

Für das urbane Grün und eine gemeinschaftlich gestaltete Stadt steht Jonas Merold, Koch und Initiator des Gemeinschaftsgartens „Sonnenbeet“ am Haus der Statistik. Er hat zusammen mit den Mitgliedern des Vereins Sun Seeker e. V. einen mobilen Garten aus Hochbeeten auf der ehemaligen Anlieferstelle am Haus der Statistik aufgebaut. Die Gruppe versucht nachhaltig Gemüse in der Stadt anzubauen und zu testen, welches im heißen Mikroklima der Stadt besonders gut wächst. Die Brachfläche wird genutzt, um urbane Biodiversität zu fördern.

 

Abb. 7: Gemeinschaftsgärtner*innen pflegen den Hochbeetgarten des Sun Seeker e.V.

 

Die Pionier*innennutzungen finanzieren sich selbst. Sie zahlen einen geringen Mietpreis, der es ihnen ermöglicht, mitten in der Stadt ihre Aktivitäten durchzuführen. Das wird durch die Landesregierung des Landes Berlin als Eigentümerin des Gebäudes ermöglicht. Sie erlaubt den Pionier*innen, das Gebäude zu nutzen und stellt einen Großteil der finanziellen Mittel für die Entwicklung des Bauprojekts mit Bürger*innenbeteiligung und der Betreuung durch die Initiative zur Verfügung. Was hier stattfindet, ist keine alleinige Einflussnahme der Regierung und Verwaltung auf das Stadtgeschehen, sondern ein Feedback-Prozess, der nur im Zusammenspiel mit allen Beteiligten funktioniert.

 

„Wir hatten anfänglich natürlich keinen Strom, keine Medien, keine Heizung. Also, es ist, kann man schon sagen, ein ruinöses Gebäude. Und unser Verständnis und die baurechtlichen Bestimmungen, die einfach gelten, passen manchmal nicht zu den Wünschen der Stadtgesellschaft, mit der Initiative zusammen. Die sehen nur das Gebäude, das schon lange leer steht, für das das Land Berlin auch nicht unbedingt was kann. Aber die Schritte, um das zu revitalisieren, die gehen der Zivilgesellschaft manchmal nicht schnell genug. Wo wir dann immer mal ein bisschen bremsen müssen.“

Angela Deppe, Prokuristin Berliner Immobilien Management BIM GmbH

 

 

Abb. 8: Leerstand Winter 2019.

 

Die Verwaltung kann also auch diejenige sein, die die Entwicklung oder die Partizipation der Stadtgesellschaft „ausbremst“. Lefebvre zum Beispiel wandte sich aus diesem Grund gegen eine Stadtverwaltung der politischen Machthaber*innen und setzte sich für die Selbstverwaltung der Bürger*innen ein [vgl. Lefebvre 2019: 146f].

 

„Das Pioniergremium wurde jetzt am Anfang etabliert, um eine Struktur zu haben. Und die Idee ist aber, dass dieses Gremium wächst und sich verändert, und eigentlich soll das auch wieder verbunden werden mit der Nutzung, die stattfindet. Und genau wie die Pioniernutzung nehmen wir jetzt auch dieses Pioniergremium, um erst mal was auszutesten und zu gucken: Okay, wo muss man die Stellschrauben stellen? Wo muss man Weichen legen? Wie muss man das anpassen, dafür, dass man dann irgendwann etwas hat, was für das ganze Quartier gilt.“

Nina Peters

 

Das Pionier*innengremium ist das Beteiligungs- und Entscheidungsorgan des Allesandersplatzes. Die ZUsammenKUNFT eG (ZKB) und die Pionier*innen besprechen dort Organisatorisches, aber auch, wie das weitere Vorgehen der Planung des Projekts und der Umgang mit der Politik und den anderen Kooperationspartner*innen funktionieren kann.

Partizipation

Um die Nachbarschaft und städtische Gesellschaft zusätzlich in den Planungsprozess einzubeziehen, bietet das Projekt zusätzlich zum Pionier*innengremium öffentliche Bürger*innenbeteiligungsverfahren an. Gerade in der Stadtplanung sind Partizipationsprozesse mittlerweile übliche Formate, um Bürger*innen miteinzubeziehen. Stadtplanung soll so zu einer Gemeinschaftsaufgabe werden; allerdings ist diese „Gemeinschaft“ immer selektiv, denn oft ist nur ein kleiner Teil der gesamten Stadtgesellschaft in den Beteiligungsprozessen involviert. Vor allem sozial Benachteiligte nehmen ihr Recht auf Partizipation häufig nicht wahr [vgl. Selle 2018: 226–228]. Insbesondere dann, wenn Formate durch die städtische Verwaltung und die mit der Planung beauftragten Architekt*innen und Bauherr*innen angestoßen werden, mangelt es häufig an umfassender Beteiligung durch eine diverse und breite Masse an Menschen. Partizipation ist zumeist erfolgreicher, wenn Bürger*innen beispielsweise durch ein Großbauprojekt in ihrer Stadt aufbegehren und damit einen Prozess der Entwicklung in Gang setzen [vgl. Rinn 2017: 244f]. Mit der Plakataktion am Haus der Statistik haben die Künstler*innen 2015 genau dies angestoßen.

Sachs spricht hier an, was Partizipationsverfahren allein nicht können:

 

„So ein Stück weit, glaube ich, geht es auch darum zu schauen, wie kann man eigentlich über Kooperationen, über enge Verbindungen mit der Zivilgesellschaft, über die Prozesse von Top Down und Bottom Up tatsächlich neue Formen der Zusammenarbeit kreieren und finden. [...] Wer macht eigentlich unsere Stadt? Und wie kann man schaffen, dass es einen Pluralismus von Ideen gibt und von Modellen, die nebeneinander existieren und die miteinander kooperieren, ohne dass das eine das andere ausschließt oder verdrängt?“

Harry Sachs

 

Commoning

Für eine kollektiv gestaltete Stadt braucht es auch Selbstverwaltung, die sich in Prinzipien des Commoning wiederfindet. Commons ist eine Praxis, die nicht nur für geteiltes Eigentum steht, sondern auch soziale kollektive Relationen sowie geteiltes Wissen und Praktiken beschreibt. Seit mehreren Jahren wird der Begriff immer häufiger als Gegenkonzept zu einem kapitalgesteuerten System aufgegriffen [vgl. Federici 2019: 86f]. Es wird durch den Prozess des Commoning hergestellt, der sich durch folgende Punkte definiert: Selbstverwaltung nach selbstgestalteten Regeln sowie Eigentum, Wissen, Dinge oder Relationen, die geteilt werden und zu denen jede*r Teilhaber*in einen gleichwertigen Zugang hat. Commons ist also nur in Verbindung mit einer Gemeinschaft zu denken. Commoning basiert auf Kooperation und der Sorge für Commons. Entscheidungen werden kollektiv durch Verhandlungen und direkte Demokratie getroffen, welche über die politische Kontrolle des Staates und den Kapitalmarkt hinausgeht. Trotzdem funktioniert der Prozess weder davon losgelöst noch kann er staatliche Regierungsformen ersetzen [vgl. Federici 2019: 93–96]. Doch Praktiken des Commoning können zu alternativen Produktionsformen in einem kapitalistischen System werden [vgl. Federici 2019: 89]. Auch kann Commons als Infrastruktur dienen, normative Handlungs- und Denkmuster zu verlernen und zu fragen, welche Gedanken und Praktiken zu neuen Formen von Zusammenleben befähigen [vgl. Berlant 2016: 396].

Am Allesandersplatz kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Kommunikation und Selbstregulation wird durch das Pionier*innengremium möglich. Die Akteur*innen versuchen in gleichberechtigten und hierarchielosen Strukturen zu arbeiten. Es ist ein Versuch, solche Organisationsstrukturen im kleinen Rahmen zu testen. Am Allesandersplatz beschreibt sich das Commoning auch durch die gemeinsamen politischen Forderungen an die Politik und die Stadtgesellschaft. Die Pionier*innen, die Werkstatt, aber auch die Koop5 versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Der Allesandersplatz entzieht sich zudem einer kapitalistischen Logik und versucht ihr neue Formen des Wirtschaftens, zum Beispiel durch das Haus der Materialisierung, entgegenzustellen.

 

„Wie kann das auch zukunftsoffen bleiben? Also nicht, dass es dann auf einmal fertig ist und dann gibt es keine Entwicklung mehr für die nächsten 30 Jahre, sondern es soll sich natürlich, auch wenn es schlüsselfertig ist, immer weiterentwickeln können.“

Nina Peters

 

 

Abb. 9: Besucher*innen eines Workshops des Sun Seeker e.V. ernten Bohnen.

 

Die Praktiken des Commoning am Allesandersplatz zeichnen sich auch durch Offenheit aus. Das Haus soll grundsätzlich veränderbar bleiben, mit immer unterschiedlichen Konstellationen von Menschen und Projekten. Das wiederum geht einher mit einer Pluralität an Ideen und Menschen und damit auch der Akzeptanz von Differenz. Dafür wird Kommunikation zu einem wichtigen Werkzeug, um Differenz zu kommunizieren und zu gemeinsamen Entscheidungen und Handlungen zu gelangen. Dies ermöglicht das Ausprobieren von nichtkapitalistischen Tauschgeschäften und kollektiven Praktiken wie Urban Gardening oder interaktive Kunstversuche. Gerade das Ausprobieren dieser Praktiken, die auf Commons beruhen und durch die schlussendlich Strukturen des vorherrschenden Systems abgelöst werden können, sind für Federici ein Anfang für eine Gesellschaft [vgl. Federici 2019: 110, 175].

 

Das heißt es wird noch sehr viel Bewegung kommen. Und da werden auch noch sehr viele neue Leute dazukommen und sich vor allem auch einzelne Gruppen zusammenschließen. Also auch da gibt es diesen kooperativen Prozess. Wie können wir aus den Einzelstimmen einen Chor generieren? Und wie kann dieser Chor dann mit dem Quartier zusammen noch ein Programm abbilden und eine Gesamtchoreografie ergeben, die deutlich mehr ist als das, was wir uns heute vorstellen?“

Harry Sachs

 

Fluktuation

Die ständige Neuproduktion, der das Haus unterliegt, kann als Fluktuation (lat. fluctuare, hin- und herschwanken, wiegen, wallen) beschrieben werden. Schon die geschichtliche Entwicklung – vom Prestigeobjekt der sozialistischen Architektur in der DDR zur leerstehenden Ruine, um dann erneut zu einem Modellprojekt zu werden – deutet darauf hin. Auch der Status als Zwischenraum des noch nicht vollständig geplanten und fertiggestellten zukünftigen Quartiers verweist darauf. Der Soziologe Walter Siebel spricht in Bezug auf Brachflächen und Zwischenräume von einer „Präsenz des Vergangenen und der Gegenwart“ [Siebel 2018: 381]. Vergangene Entwürfe von Leben in der Stadt sind in die Architektur eingeschrieben [vgl. Siebel 2018: 382], aber sie haben keine Bedeutung mehr für die zukünftige Nutzung. Der Raum wird frei für neue Bedeutungen [vgl. Siebel 2018: 397].

Solche Räume des Übergangs werden auch als Terrains vagues bezeichnet. Architekt und Philosoph Ignasi de Solà-Morales Rubió prägte mit seinem Aufsatz über das „Terrain vague“ 1995 den Begriff innerhalb des städtebaulichen und soziologischen Diskurses. De Solà-Morales Rubió leitet aus dessen etymologischer Herkunft drei Bedeutungen ab. Zum einen in Bezug auf das deutsche Wort „Woge“ als Ab- und Anschwellen bzw. als fluktuierende Unstetigkeit. Dagegen steht das englische vacus für Leere und Abwesenheit von Bedeutung, die aber gleichzeitig auch Freiheit, Erwartung und Möglichkeitsraum implizieren. Die dritte Bedeutung des lateinischen vagus umschreibt das Unbestimmte und Unbeschränkte. Das kann Unsicherheit auslösen, weckt aber auch Phantasie, um die Leerstelle mit verschiedenen neuen Bedeutungen zu füllen [vgl. Solà-Morales Rubió 1995: 119–121].

 

Abb. 10: Das Ensemble Atonor probt für ihren Auftritt im Rahmen des Festivals für selbstgebaute Musik, am Haus der Statistik, September 2020.

 

Das Haus der Statistik kann zwar nicht mehr als leere Fläche oder als Brache bezeichnet werden, trotzdem kann de Solà-Morales Rubiós Definition des Terrain vague eine Grundlage zur Betrachtung des heutigen Zustands des Projekts sein. Der Allesandersplatz markiert ein Zwischenstadium vom Terrain vague zu definierter zukünftiger Nutzung. Das Projekt ist nicht mehr komplett bedeutungsoffen, da das neue Quartier schon vorgesehen ist. Aber da die konkrete Planung erst im Prozess entwickelt wird, bleiben Möglichkeitsräume und Freiheiten. Kurzfristige Akteur*innen beleben das Haus, neue Pioniernutzer*innen ziehen ein, andere hingegen aus. Zudem werden bei der zukünftigen Nutzung unbestimmte, bedeutungsoffene Räume berücksichtigt, die sich, auch wenn das Quartier fertig ist, weiterentwickeln und verändern können. Für Walter Siebel können Brachen Möglichkeitsräume sein, die von verschiedenen „postindustriellen Nutzer*innen“ angeeignet und in ihrer Bedeutung verändert werden; sie sind besonders prädestiniert, da sie „ökonomisch und symbolisch jene Überschüsse und Hohlräume“ aufweisen, „in denen sich Phantasie entfalten kann“ [Siebel 2002: 39].

Der Allesandersplatz versucht gerade Modell für eine neue Entwicklung von kollektiverer Stadt zu sein:

 

„Also es ist ja nicht so eine fertige Utopie, sondern alles entsteht im Prozess mit ganz vielen Leuten, die denken, man kann das anders machen, als es sonst funktioniert. Was es dann wird, da gibt es noch kein Endprodukt oder irgendwas. Deshalb sind wir auch Modellprojekt, um das zu entwickeln.“

Nina Peters

Der Dokumentarfilm ALLESANDERSPLATZ (R. Isis Rampf, D 2020, 53 Min.) ist als Masterarbeit im Rahmen des Studiengangs Europäische Medienwissenschaft an der Universität und Fachhochschule Potsdam entstanden.

Trailer und weitere Informationen unter www.vimeo.com/752213695.

Referenzen

Berlant, Lauren. „The commons: Infrastructures for troubling times*“. In: Environment and Planning D: Society and Space 34/2016: 393–419, https://doi.org/10.1177/0263775816645989, 10.8.2021.

Duyos, Maria Munoz, Claudia Hummel, Florian Schmidt und Christian Schöningh. Haus der Statistik: ZUsammenKUNFT für Berlin. In: dérive 65/2016: 18–22, https://hausderstatistik.files.wordpress.com/2015/12/derive_hds.pdf, 9.6.2021.

Federici, Silvia. Re-Enchanting the World. Feminism and the Politics of the Commons. Oakland 2019.

German Burners. Die zehn Prinzipien, https://germanburners.de/burning-man/die-zehn-prinzipien/, 7.1.2023.

Lefebvre, Henri. Das Recht auf Stadt. 3. Aufl. Hamburg 2019.

Rinn, Moritz. „Etwas Besseres als Beteiligung? Kritische Partizipation und Partizipationskritik in der Stadtentwicklungspolitik“ (2017). In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.). Dossier Stadt und Gesellschaft. Bonn 2007: 242–247.

Selle, Klaus. „Wir sind die Stadt. Wie Bürger und Bürgerinnen an der Entwicklung der Städte mitwirken“ (2018). In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.). Dossier Stadt und Gesellschaft. Bonn 2007: 224–228.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Alexanderplatz, https://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/staedtebau-projekte/alexanderplatz/index.shtml, 7.1.2023.

Sennett, Richard. Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. 5. Aufl. Berlin 2019.

Siebel, Walter. „Urbanität ohne Raum. Der Möglichkeitsraum“. In: Kornhardt, Diethild, Gabriela Pütz und Thies Schröder (Hg.). Mögliche Räume. Stadt schafft Landschaft. Hamburg 2002: 32–40.

Siebel, Walter. Die Kultur der Stadt. 3. Aufl. Berlin 2018.

Solà-Morales Rubió, Ignasi de. „Terrain vague“. In: Davidson, Cynthia (Hg.). Anyplace. Cambridge/London 1995: 118–123.

Werkstatt Haus der Statistik. Modellprojekt Haus der Statistik, https://hausderstatistik.org, 7.1.2023.

 

[1] 1990 galt das sozialistisch gestaltete Stadtzentrum als veraltet und sollte nach Vorbild der Innenstädte internationaler Großstädte umgestaltet werden. Den Ideenwettbewerb gewannen die Architekt*innen Hans Kollhoff und Helga Timmermann. Der nach Kollhoff benannte Masterplan sah zehn Hochhäuser von 150 Metern vor, die von internationalen Investor*innen realisiert werden sollten. Die Gebäude am Alexanderplatz, darunter auch das Haus der Statistik, sollten dafür weichen. Doch die Pläne für die Neugestaltung wurden bis in die 2000er-Jahre wegen fehlenden finanziellen Investitionen nicht umgesetzt (vgl. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin 2023).