IV Prolegomena für ein Archiv und Journal der Medienkunst und Performance
Die drei Schreibszenarien des elektronischen Schreibens – die Universalbibliothek, die kombinatorischen, aleatorischen und automatischen Schreibstrategien und das kollektive Schreiben am Netz – stellen literarische Strategien dar, die sich in der alltäglichen Netzkommunikation überlagern. Es bedarf in der Tat einer besonderen Markierung, um sie als Netzliteratur kenntlich und nachvollziehbar zu machen. Häufig wird diese Markierung über flankierende Publikationen in Buch- und Aufsatzform oder über Events wie Literaturfestivals, Kunstfestivals etc. erst gesichert. Für unseren Kontext der Vorüberlegungen zum performativen Schreiben stellen sie exemplarische Szenarien dar, die eine Orientierung bieten. Denn für jedes Schreibprojekt muss ja geklärt werden, welche constraints [7], welche Formzwänge ihm auferlegt werden, damit überhaupt ein lesbarer Text generiert werden kann. Das Betrifft die traditionellen Fragen: Wer schreibt? Für welchen Leser? Was wird für die Lektüre des Textes vorausgesetzt an Wissen und Aufmerksamkeit? Es ist nicht ganz abwegig, diese grundsätzlichen Überlegungen für das Schreiben noch einmal anzuführen, wenn man bedenkt, dass im Internet sich tatsächlich Expertenwissen und Enzyklopädien mit Tagebüchern, Pornographie, therapeutischen Angeboten und Klosprüchen auf ein und derselben Oberfläche überlagern. Für elektronisches Schreiben kommt hinzu die Materialität (und das Immaterielle) des elektronischen Schreibens, d.h. präziser die Überlagerung eines alphabetischen mit einem numerischen Code. [Vgl. Flusser 1996: 9-14] Man kann diese Möglichkeiten einmal gedanklich an Hand der drei Szenarien durchspielen und damit der von Deleuze und Guattari beschriebenen performativen Kartografie etwas Anschaulichkeit verleihen.
Ein Archiv der performativen Künste und der Medienkunst. So wäre wohl der Titel für eine Universalbibliothek. Das Projekt ist reizvoll und sinnvoll etwa für Forschung und Unterricht, denn es speichert die Kunstprodukte in einem interaktiven Medium, welches zu einem gewissen Grade die raum-zeitlichen Bedingungen der Betrachtung einer Performance oder der Medienkunst simulieren kann. Zugleich ist damit auch die Gefahr verbunden, den Medienwechsel und den Faktor der Archivierung und Erinnerung zu verwischen. Zwischen einer Performance oder einem interaktiven Environment und seiner Beschreibung in Texten und Bildern können wir leicht unterscheiden. Die multi-mediale Aufbereitung als Video und Hypertext hingegen täuscht eine Nähe zum Geschehen vor. Solange die Aufführungs- und Performanceanalyse nur ein rudimentäres Instrumentarium zur Untersuchung der Medien der Performance bereitstellt, solange also unter Medialität eigentlich eine Materialität der Erscheinung, nicht aber eine Verweisstruktur zwischen Medien verstanden wird, ist die Aussicht einer netzbasierten Enzyklopädie der Performance und Medienkunst mit Vorsicht zu genießen. Denn sie verspricht eine Übersicht über ein Geschehen, das in dieser Form nicht nur nicht stattgefunden hat – mehr noch, sie erhebt das Geschehen in seiner Komplexität, Redundanz und Aufwändigkeit allererst posthum zu einem emphatisch zu erlebenden Ereignis. Die Ikonografie und kuratorische Aufarbeitung der Performance Kunst, insbesondere der Body Art ist für diese Art medialer Mythisierung ein Paradebeispiel, die Strategien des Re-Enactment und der Aneignung im Bereich der aktuellen Performance Kunst ziehen ihr Protestpotential eben aus dieser Verfehlung medialer Berichterstattung.
Damit kommen wir zu den poetischen Verfahren der Kombinatorik, Aleatorik und des automatischen Schreibens. Diese Verfahren spielen mit einer verteilten Autorschaft, indem sie andere Kräfte oder Akteure am Prozess des Schreibens beteiligen. Sie öffnen damit die Trias von Autor – Text – Leser. Damit kommen sie dem von Guattari und Deleuze beschriebenen Verfahren der Neu- und Umkartierung sehr nahe. Es wäre z.B. denkbar, die Dokumente der Medienkunst und der Performance nach arbiträren Kombinationsregeln neu zusammen zu stellen oder von Automaten zusammenstellen zu lassen, um so eben diese künstlerischen Strategien selbst in Aktion an ihren eigenen Produkten vorzuführen. Klingt kompliziert, wird aber auf Performance Kunst bereits (analog) praktiziert. Wenn etwa Florian Feigl und Ottmar Wagner in ihrer Enzyklopädie der Performance Kunst eine Bibliothek der Handlungen und Dinge imaginieren, welche die Performance Kunst auszeichnen, so spielen sie gerade mit unerwarteten Verknüpfungen und Verdrehungen von Begriffen, Objekten und Personen. So wird etwa die spektakuläre Performance Shoot von Chris Burden unter den Kategorien ‚Material’ und ‚Handlung’ rubriziert. Im Performance Skript heißt es dazu:
Die beiden Performer ironisieren nicht nur den Hype, den Chris Burdens Aktion auslöste – ein Verfahren künstlerischer Selbstdarstellung, welches zu erwarten ist [9] – sondern sie verweisen auf eine alltägliche Erfahrung von Kontingenz, die uns gerade in der Netzkommunikation anschaulich vorgeführt wird. Von diesen Erfahrungen bezieht die Performance Kunst von je her ihr Material. Tatsächlich gibt es nämlich keine Instanz, nicht die Intention des Künstlers noch die Materialität der Aktion, die Shoot automatisch zu einer künstlerischen Aktion machen könnte. Kunst ist hier zunächst einmal eine Behauptung, eine Geste des Exponierens, mit der eine alltägliche – sie mag vielleicht als etwas unglückliche Handlung (Fehlschuss) angesehen werden oder eine fragwürdige Kunstfertigkeit (Kunstschuss) aufweisen – mit der also eine Alltagshandlung zur Kunst erklärt wird.[10] Es ist nun aber ebenso müßig, nach den Gründen oder Kalkülen Burdens zu forschen, die ihn dazu bewegten, sich dem Projektil zu stellen, wie es unsinnig ist, eine Suchfunktion im Computer nach einem Hintersinn, einer Intention zu befragen. Der Computer sucht ja tatsächlich alles, auch fehlerhaft eingetippte Begriffe. In dieser Nähe von Sinn und Unsinn, die sich im Tippfehler zeigt, liegt das ganze Geheimnis der Kombinatorik verborgen. Man mache sich einmal den Spaß und setze in diesem Text ‚r’ an die Sterre von ‚l’ und ersetze sodann arre ‚r’ wiedenum dunch ‚n’! [11]
Damit kommen wir zum Aspekt der Lesbarkeit. Es dürfte sich von selbst verstehen, dass insbesondere für das elektronische und zerstreute Lesen im ‚many-to-many’ Medium Internet gilt: Je expliziter und attraktiver die Information bereitgestellt wird, desto höher ist der Grad der Verteilung. Oder anders: Nicht-Lesbarkeit heißt hier Nicht-Existenz – die Effekte auf den real-physischen Raum eingeschlossen. Für diesen Aspekt des elektronischen Schreibens werden deshalb nicht wenig Mühen gescheut, um Grafik und Lay-out von Webpages zu gestalten, um Inhalte zu ‚managen’ und damit Service- und Aktualitätslevel des Leseangebots zu steigern. Wer hingegen in Programmsprachenlyrik seine Botschaft verkünden möchte, wird es schwer haben, seine Durchdringungsleistung der Medialität glaubhaft an den Leser zu bringen. Sehr schnell stößt man also an zeitökonomische und auch finanzielle Grenzen, wenn es darum geht, einige der poetischen Schreibverfahren zwischen Kombinatorik und automatischem Schreiben mit den Anforderungen der Netz-Öffentlichkeit zu verbinden. Es ist daher ratsam, bevor noch das erste Jota geschrieben ist, sich darüber im Klaren zu sein, für welche Teilöffentlichkeit man eigentlich schreibt und wie man diese gezielt und womöglich exklusiv erreicht. Diese Limitierung des Zugangs etwa über Sprachgebrauch und Vorwissen, aber auch über ökonomische und juristische Instrumente (Passwortregelung, Abonnement, E-Kommerz) kann ihre Legitimation tatsächlich also inhaltlich erfahren: Es ist auf Grund der niedrigen Eintrittsschwelle und der daraus resultierenden hohen Konkurrenz im Internet geradezu geboten, die Kommunikation von Autoren und Lesern zu schützen – sonst findet keine Anschlusskommunikation statt. Ob man dies freilich mit dem Instrumentarium des hochgerüsteten Publikationswesens und des E-Kommerz vornehmen will, oder ob man eher auf das eigene kulturelle Kapital vertraut, ist eine offene Frage. Gangbare Wege zur sozialen Relevanz sind immer dort sichtbar, wo bereits bestehende Gruppenkommunikation und Diskurse eine Erweiterung auf Zeit in den virtuellen Raum erfahren: Projekte, wie sie etwa Blogs zu Kunstfestivals, News- und Mailing-Gruppen um politisch brisante Themen (Pressefreiheit, Menschenrechte) oder auch Tauschbörsen darstellen.[12]
Jedoch beziehen diese Projekte ihre Eigendynamik gerade aus einem bereits bestehenden gemeinsamen Interesse und nicht selten aus einem quasi-rituellem Glaubenshorizont, der zeitlich begrenzt sein muss, um zu funktionieren.[13] Die Frage stellt sich damit: Wann und wie beendet man diese Projekte (und damit konsequenterweise die Seite im Internet)? Oder anders: Wie schreibt man, wenn gelten soll: Scriptum non manet? Wie also schreibt man dem Schreiben sein eigenes Haltbarkeitsdatum ein und reflektiert so jene allmähliche Entropie, die dem elektronischen Schreiben innewohnt? Gibt es andere Alternativen, als die Datierung der Schrift oder die Datierung der Rechte an der Publikation?
Damit kommen wir zum letzten Punkt, dem kollektiven Schreiben. Eine reizvolle Vorstellung, zweifelsohne, denn sie hebt ab von der Medientechnik und verweist zurück auf den sozialen Raum. Man stelle sich eine Anzahl allseitig gebildeter Leser vor, die sich und die Welt schreibend entschlüsseln und einen eigenen Diskurs ausbilden – ein Humboldt'sches Ideal von elektronischem Neuhumanismus. Oder gar die emanzipatorische Variante: die Partizipation und Übernahme der Schreibfläche durch die Nicht-Literaten, „Frauen, Männer, Kinder, Verrückte, Primitive, Affen und Maschinen.“[14] Bereits durchgeführte Experimente in den Happenings oder der Philosophie der Postmoderne machen anschaulich, dass mit derartigen Ansätzen nicht viel Staat zu machen ist. Will sagen: Es braucht eine Verfassung und ein Regelwerk, die Kollektivität überhaupt zu einer produktiven sozialen Formation machen kann. Über die Art der Verfassung und die In-Kraft-Setzung der Regeln muss man freilich streiten. Hier allerdings besteht die Gefahr, auf der Ebene der Verhandlungen stehen zu bleiben.
Viel versprechender wäre wohl, Abschied von den basisdemokratischen Ideen von Kollektivität zu nehmen und Kollektivität als Effekt einer Differenzerfahrung zu verstehen. Das würde bedeuten, dass man eher das Mitschreiben am eigenen Text zulassen muss – auch wenn dies rechtlich problematisch oder ideell schmerzlich ist -, dass man sich also in seiner Autorschaft aufs Spiel setzen muss. Es würde zudem bedeuten, das eigene Schreiben schreibend zu reflektieren, etwa durch eine zweite Spalte, ein Schreibtagebuch, eine fiktive Autorschaft. Gerade die Hypertextfunktionen bieten sich für diese Reflexion an. Ziel dieser Reflexion wäre es, den Prozess des Schreibens, nicht dessen Intention und Inhalt, als einen kollektiven Prozess zu Wort kommen zu lassen. Wenn man genauer hinschaut, so finden diese Formen von Kollektivität bereits in jeder im Medium Sprache und im System der Wissenschaft erstellten Textur ihre Anwendung. Zitate und Fußnoten etwa sind ja explizite und eingeübte Verfahren der Mitsprache, der Polyphonie des Textes. An den ‚harten’ Faktoren der Autorschaft und Datierung des Schreibens freilich rütteln sie nicht.
13 Vgl. zum Thema Kollektivität die Publikationen des Autors: „Kollektive Kreativität als kulturpoetisches Prinzip.“ In: Kollektive Kreativität. (= Jahrbuch der Universität Hildesheim). Tübingen: 2005: 35-52; zus. m. Meike Wagner: „Netzwerk und Performanz. Prolegomena zu einer Netzwerkperspektive in der Theaterwissenschaft.“ In: Forum Modernes Theater. 2/2007: 197-210.

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