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III Kalküle elektronischen Schreibens

 

 

Für das elektronische Schreiben werden in der Literaturwissenschaft grob drei Szenarien unterschieden:
-    Die Universalbibliothek
-    Kombinatorische, aleatorische und automatisierte Schreibverfahren
-    Kollektives Schreiben [5]

Unter der 'Universalbibliothek' werden dabei enzyklopädische Projekte verstanden, mit denen insbesondere ganze Bibliotheksbestände eingescannt und in neuem Format gespeichert werden. Die Tendenz dieser Projekte sei egalisierend und zerstreuend, wie Gendolla und Schäfer vor dem Hintergrund literarischer Erfahrung schreiben. Denn für die literarische Kommunikation sei es wichtig, dass „der Leser zu lesen bekommt, was der Autor geschrieben hat“ [Gendolla/Schäfer 2001: 76] und diese Form der Kommunikation werde durch den vernetzten Zugriff auf Literatur unterminiert.

Die kombinatorischen und aleatorischen Verfahren des Schreibens sehen die Autoren in der literarischen Tradition eines „unendlichen Lesens“ [Ebenda: 77] vorbereitet, mit denen Literaten Lese- und Rezeptionsprozesse aus ihrer Linearität heraus zu lösen verstünden und in Rückkoppelungen verschalteten. Hier wären etwa Experimente wie Raymond Queneaus Cent Mille milliard de poèmes (1961) zu nennen, welches als Papier-Set aus den Zeilen von zehn Sonetten besteht, die man ähnlich der Küchenpoesie immer wieder neu kombinieren kann – die Anzahl der Möglichkeiten übersteigt die Lebenszeit des Lesers um einen astronomischen Wert.[6] Der Autor verfasst in diesem Fall keine spezifischen Inhalte sondern eine Form, die vom Leser mittels einfacher Kombinatorik erst zu einem lesbaren Text gestaltet werden muss. Vom Leser wird daher als einem Ko-Autor gesprochen. Hieran schließen die Verfahren elektronischer Hypertexte an, bei denen der Leser seinen Lektüreprozess und damit die Erzählung selbst in vorgegebenen Rahmen bestimmen kann. [Wirth 2006: 149-166]

Eine weitere Form der Ko-Autorschaft stellen aleatorische Verfahren dar. Hierunter werden im literarischen Schreiben Collage, Cut-up-Techniken, die écriture automatique aber auch das Konzept der Unbestimmtheit (Indeterminacy) von John Cage und die Strategien im Happening eingeordnet. [Schulze 2003; Heilbach 2003: 117-120] Auf das elektronische Schreibszenario bezogen bekommen aleatorische Prozesse jedoch eine besondere Note, denn es ist offen, von welcher Qualität oder gar Willkürlichkeit der Zufall innerhalb von Programmarchitekturen eigentlich sein kann oder ob es sich nicht immer um Pseudo-Zufälle, letztlich um Würfelspiele handelt, die eben doch determiniert und intendiert wären. [Heilbach 2003: 130f.] Gerade die Umsetzung aleatorischer Verfahren durch Automaten und Rechner spricht für eine weniger kreative Dimension des Zufalls, wenn dieser als Entscheidungsverfahren innerhalb kalkulatorischer und kombinatorischer Prozesse instrumentalisiert wird. Als Verfahren einer Automatisierung der Textgenese kann in diesem Zusammenhang auch die Programmsprachenlyrik angeführt werden, die von der doppelten Semantik von Programmiersprachen – als lesbaren Text und als auszuführendem Befehl – ihre literarischen Regeln herleitet. [Cramer 2001: 112-123]

Bleibt schließlich noch – und hier schließt sich der Kreis – das Schreiben am Netz als ein Prozess kollektiver und namenloser Autorschaft. Diese Praxis ist momentan zu beobachten, wobei hier weniger die expliziten (und damit wiederum mit Autorschaft versehenen) Kollektivromane, etwa Die Versuche und Hindernisse Karls der Romantiker Friedrich de la Motte Fouqué, Karl August Varnhagen, Wilhelm Neumann und August Ferdinand Bernhardi oder der von Hermann Bahr, Gustav Meyrink und zehn weiteren Autoren verfasste Roman der 12 als Paradigma fungieren sollen. Projekte wie die Wikipedia Enzyklopädie oder die mannigfaltigen Formen der Herstellung, Bewertung und Kommentierung von Internet-Angeboten deuten vielmehr darauf hin, dass wir es mit einer anonymen, massenhaften und höchst kontingenten Form verteilter Autorschaft zu tun haben. Es sind gerade die Ausmaße und die Willkür, mit der Texte anwachsen oder liegen bleiben, die auf das Spezifische des Rechner-gestützten, kollektiven Schreibens hinweisen. Zudem ist ähnlich wie bei dem Modell der Universalbibliothek schnell deutlich, dass diese Texte (oder Enzyklopädien) insofern elektronische (und nicht nur elektrisch verstärkte) Texte darstellen, als es wenig Sinn macht, sie in Form eines Buches zu drucken und ihnen ein spezifisches Erscheinungsdatum zuordnen zu wollen.

 

 


5 Die Einteilung folgt grob dem sehr übersichtlichen Artikel von Peter Gendolla, Jörgen Schäfer: „Literatur im Netz. Netzliteratur und ihre Vorgeschichte(n).“ In: Text + Kritik. Heft 152 (= Digitale Literatur). Oktober 2001, 75-86.
 
6 Vgl. zu Queneau und O.U.L.I.P.O. Heiner Boehncke, Bernd Kuhne: Anstiftung zur Poesie. Oulipo – Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Bremen: Manholt, 1993; für eine elektronische Version vgl. http://www.uni-mannheim.de/users/bibsplit/nink/test/sonnets.html (letzter Zugriff 5.8.2008).
 

 

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