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II Karten machen!

 

 

Es gibt ein Bild für diese Art des Modells: die Karte.[1] So wie elektronisches Schreiben noch einmal die anlogen Schreibarten und Schriften neu verzeichnet, archiviert, modelliert, so haben Kartografen ihre Ideen und Bilder der Welt in je spezifische Karten gebannt. In den Computerwissenschaften ist auf die Netzarchitektur bezogen der Begriff des Mapping gebräuchlich. Martin Dodge und Rob Kitchin beschreiben in ihrem Buch Mapping Cyberspace das Verfahren als das Sichtbarmachen der Infrastruktur des kybernetischen Raums:

Despite the massive growth of cyberspace in the last twenty years, the materiality that supports it, ICTs, is largely invisible (Batty 1990, Moss 1986). Much of this infrastructure is hidden underground, located in anonymous server rooms, placed in conduits and roof void, and housed in grey boxes that quietly humm under poeple’s desks. Given this invisibility, it is easy to assume that the infrastructure of cyberspace is as ethereal and virtual as the information and communication that it supports. However, the infrastructure has materiality that can be mapped onto geographic space and displayed using cartographic techniques. [Dodge/Kitchin 2001: 81]

Sie verstehen unter 'Mapping' also ein Verfahren, die unsichtbar ablaufenden Verknüpfungsprozesse, die das elektronische Netz, die Schreibfläche ausbildet, sichtbar zu machen und auf die physische Realität zu beziehen, ihnen einen anschaulichen Maßstab zu verleihen. Das Projekt eines Mapping Cyberspace wäre damit ein deskriptives Verfahren, welches dem Bau der Netze, der Hardware folgt und vor allem, ihn kontrollierbar machen soll. Der Bauplan des elektronischen Netzes, welches das Mapping Cyberspace Project abzubilden verspricht, wäre damit so etwas wie ein Schlüssel zum Wissen vergleichbar einem Quellcode für ein Programm. Vergleichbar auch dem Zugang zum oder dem Ausschluss vom elektronischen Schreibverfahren auf den Oberflächen der Textverarbeitungsprogramme, Webpages und E-Mail-Accounts, wie er differenziert über Userrechte, Administratorenstatus, Suchagenten und zunehmend über Abonnements und Rechnerleistung geregelt wird. Hartmut Winkler hat die Tendenz der Öffnung und Schließung von Zugängen, die sich mit der Verknüpfung von Rechnern als einem ‚many-to-many-Medium’ verwirklichten, kritisch als eine Bewegung des Ziehens (Pull) und Drückens (Push) beschrieben. Informationen warten im Netz, um bei angemessener Attraktivität vom Nutzer entdeckt und heraus gezogen zu werden. Dieser Bewegung stehe eine weitere Strömungsrichtung gegenüber, mit welcher weniger attraktive Medienangebote aufbereitet, verdichtet und an den möglichen Nutzer durch so genannte „push media“ geliefert, bzw. in den Markt ‚gedrückt“ werden. [Winkler 1997b] Im Wechselspiel von Pull und Push stoßen wir an die Grenzen des Modells. „Die schmalste Stelle, auf die alle Datenströme zulaufen, ist der Schirm und die Aufmerksamkeit des einzelnen Nutzers.“ [Ebenda]

Wir haben es in der Wahl des Maßstabes sowohl in Hinblick auf eine Karte wie auf das elektronische Netz als einer Einschreibefläche also mit einem ökonomischen Prozess zu tun, welcher sich wie folgt artikulieren ließe: Unbegrenztes Angebot an Fläche trifft auf das Nadelöhr, welches meine Aufmerksamkeit, mein Schreibschirm darstellt. Wie kaum ein anderer Schriftsteller hat sich der argentinische Erzähler Jorge Luis Borges mit Verfahren der Kartografie, des Schreibens und der Wissensarchivierung literarisch auseinandergesetzt. Sein Erzählung Der Aleph bringt den Kontrast unendlichen Schreibens und eines allumfassenden, enzyklopädischen Wissens bei limitierten Ressourcen an Aufmerksamkeit und Zugänglichkeit auf ein Paradox: Die Geschichte handelt von dem Dilettanten Carlos Argentino Daneri, welcher mit der Dichtung Die Erde beschäftigt ist, mit welcher er die „Gesamtrundung des Planeten in Verse bringen“ wolle. Die humoreske Schilderung dieses Schreibprojektes entbehrt nicht der aktuellen Parallelen auf Redundanzen und Lächerlichkeiten zeitgenössischer Netzkommunikation.

[I]m Jahre 1941 war er bereits mit einigen Hektar des Staates Queensland fertig, hatte er über einen Kilometer vom Lauf des Ob, einen Gasometer im Norden von Veracruz, die wichtigsten Geschäftshäuser im Gemeindebezirk von la Conceptión, das Landhaus von Mariana Cambáceres des Alvear in der Straße Elfter September in Belgrano und ein Türkisches Bad unweit des berühmten Aquariums von Brighton bewältigt. [Borges 1981: 124-141, 129]

Das literarische Problem, welches sich hier abzeichnet und das vom Ich-Erzähler als zusammen geschmiertes Gedicht, „dass die Grenzen der Kakophonie und der Konfusion ins Unabsehbare zu erweitern verspreche“ [Ebenda: 132] bezeichnet wird, hat seine Ursache innerhalb der Erzählung jedoch in einem Überangebot an Information (und einem Mangel an Formvermögen). Der Dilettant verfügt gewissermaßen über eine Flatrate jedoch nicht über Medienkompetzen. Denn im Keller jenes Hauses, in welchem Danieri um die Niederschrift der Welt in Verse bemüht ist, befindet sich ein „Aleph“, „der Ort, an dem, ohne sich zu vermischen, alle Orte des Erdenrunds sind, von allen Ecken aus gesehen.“ [Ebenda: 134]

Man kann beim Blick in das Aleph eine Art Multi-media- und Immersions-Erfahrung machen:

Im unteren Teil der Treppenstufe rechter Hand sah ich einen kleinen regenbogenfarbenen Kreis von fast unerträglicher Leuchtkraft. Anfangs glaubte ich, er drehe sich um sich selbst; später begriff ich, dass die Schwindel erregende Fülle dessen, was sichtbar in ihm vorging, an dieser Täuschung schuld war. Im Durchmesser mochte das Aleph zwei oder drei Zentimeter groß sein, aber der kosmische Raum war ohne Schmälerung seines Umfangs da. Jedes Ding (etwa die Scheibe eines Spiegels) war eine Unendlichkeit von Dingen, weil ich sie auf allen Ecken des Universums deutlich sah. [Ebenda: 137]

Es folgt eine Beschreibung eines kaleidoskopischen Sehens von Lichtreflexen. Die Überlagerung aller Informationen ist zugleich die Überlagerung „aller Quellen des Lichtes“ [Ebenda: 134], eine reine Information, die sich zu einem reinen, blendenden Weiß addiert.[2]

Ich sah das bewegte Meer, ich sah Morgen- und Abendröte, ich sah die Menschenmassen Amerikas, ich sah ein silbriges Spinnennetz inmitten einer schwarzen Pyramide, ich sah ein aufgebrochenes Labyrinth (das war London), ich sah unzählige ganz nahe Augen, die sich in mir wie einem Spiegel ergründeten, ich sah alle Spiegel des Planeten, doch reflektierte mich keiner […]. [Ebenda: 137]

Die Auflistung endet schließlich – weil sie ein Ende finden muss – mit den Worten, man sähe hier „das unfassliche Universum“ [Ebenda: 138], nicht jedoch, ohne sich selbst als Schreibverfahren zu reflektieren, denn das „Kernproblem [ist] unauflöslich: die Aufzählung, wenn auch nur die teilweise, eines unendlichen Ganzen“ [Ebenda: 136]. Diese „Verzweifelung der Schriftsteller“, wie Borges schreibt, ist tatsächlich ein Paradoxie des Maßstabes. Sobald ich annehme, dass es a) ein Ganzes gibt und b) dass es ein Abbildungsverfahren gibt, welches getreu einem Maßstab ein verlässliches Modell davon hervorbringe, stehe ich vor dem Paradox, dass beides, das Ganze und sein Maßstab, gerade nicht zu definieren sind: Alle Informationen in einem Punkte versammelt, überspannt die Sinne des Lesenden, die Aufreihung aller Informationen in Versen hingegen führt zur Unterspannung. Der ‚Mythos’ Internet bezieht sein Potential wohl immer noch aus jenem Gleichnis mit einem Datenfenster, das Zugriff auf alle Informationen bietet. Dass die Architektur des Netzes aber der quantitativ-numerischen Maßstäblichkeit entsprechend geplant ist, wird mehr und mehr offensichtlich. Denn über semantische Verknüpfungen, die qualitativ verfahren, wird noch immer gerätselt und ein Suchagent, der mich und meinen Geschmack angenehm überrascht, muss noch programmiert werden.

Das Paradox löst sich freilich auf, wenn man nach der Qualität von Informationen fragt, die eigentlich erst aus dem in Form gebrachten, dem Inhalt, so etwas wie eine Kommunikation machen. Diese Form von Kommunikation zwischen Texten und Lesern/Schreibern freilich kann nur dann in den Blick geraten, wenn man die Rückkopplungen des Kartografierens auf die Karte, des Schreibens auf das Geschriebene in den Blick nimmt. Gilles Deleuze und Felix Guattari führen deshalb den Begriff der 'Karte' im Verhältnis zur 'Kopie' ein, um eben den performativen Zug des Kartierens herauszustellen:

Die Karte ist das Gegenteil einer Kopie, weil sie ganz und gar auf ein Experimentieren als Eingriff in die Wirklichkeit orientiert ist. [...] Die Karte ist offen, sie kann in all ihren Dimensionen verbunden, zerlegt und umgekehrt werden, sie kann ständig neue Veränderungen aufnehmen. Man kann sie zerreißen oder umkehren; sie kann sich Montagen aller Art anpassen; sie kann von einem Individuum, einer Gruppe einer gesellschaftlichen Organisation angelegt werden. Man kann sie auf eine Wand zeichnen, als Kunstwerk konzipieren oder als politische Aktion oder Meditationsübung begreifen. [...] Eine Karte hat viele Zugangsmöglichkeiten, im Gegensatz zur Kopie, die immer nur ‚auf das Gleiche‘ hinausläuft. Bei einer Karte geht es um Performanz. [Deleuze/Guattari 1997: 23-24; Auslassungen WDE]

Die von Deleuze und Guattari vorgeschlagene Erweiterung der Karte (im Kontrast zur Kopie) lässt sich als Konstruktion einer Anordnung von Elementen verstehen. Die beiden Autoren haben für solche Anordnungen den Begriff des Rhizoms, der Wurzel geprägt. Anordnungen, Konfigurationen bilden sich stets um. Sie überkreuzen sich mit Ordnungen und Hierarchien, wofür in Tausend Plateaus das Bild des Baumes steht. Dabei sind Karte und Kopie, Rhizom und Baum nicht als Gegensätze zu denken, vielmehr bilden sich die Mannigfaltigen des Rhizoms auf den Ebenen der Ordnung, des Baumes. Karten als rhizomatische Anordnung sind durch ihre Selbstsetzung, ihre Performanz gekennzeichnet, sie gehört dem Feld der Wirksamkeit und Produktion an, während die Kopie in der Lesart von Deleuze und Guattari lediglich reproduziert, „Redundanzen“ [Ebenda: 25] verbreitet.

Um eine solche Redundanz handelt es sich, wenn man das Modellieren der Realität als Karte im Maßstab 1:1 betreibt. Davon handelt Borges’ bekannte, auf Suárez Miranda (1658) basierende Erzählung Von der Strenge der Wissenschaft. Eine Karte eines Königreiches wird erstellt, die so hoch auflösend ist, dass sie schließlich die gesamte Fläche und alle Details des Reiches umfasst.

In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des Reiches, die die Größe des Reiches besaß und sich mit ihm in jedem Punkte deckte. [3]

Es entsteht ein Modell vom Ausmaß einer zweiten Realität, welche sofort die Frage nach einem zweiten Leben, einem ‚Second Life’ darin aufwirft. Dieses aber will nicht recht in Gang kommen. Denn der Sinn einer detailgenauen und machtpolitisch motivierten Parallelwelt lässt sich nicht auf die folgenden Generationen übertragen. Diese wissen folglich nicht, was sie mit dem Monument anfangen sollen und lassen es einfach verfallen.

Die nachfolgenden Geschlechter, die dem Studium der Kartographie nicht mehr so ergeben waren, waren der Ansicht, diese ausgedehnte Karte sei unnütz, und überließen sie, nicht ohne Verstoß gegen die Pietät, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des Westens überdauern zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und von Bettlern; im ganzen Land gibt es sonst keinen Überrest der geographischen Lehrwissenschaften. [4]

Die kleine Geschichte stellt exemplarisch die Frage nach der Performanz und Kompetenz des Schreibens/Kartografierens, welche im Prozess des Alterns der Karte allmählich verschwindet. Blickt man auf die sich allmählich füllenden elektronischen Seiten im Internet, die in ihrem Ausmaß sich zu einer 1:1 Karte unseres Wissens und unserer Welt aufschwingen, so überkommen einen Zweifel, mit welchem spezifischem Kalkül man sich an diesem globalen Schreibprozess beteiligen sollte. Denn man bewegt sich notgedrungen zwischen dem Versprechen, Allerweltsdinge, aller Welt’s Dinge aus dem Netz fischen zu können und den ökonomischen Strategien der Aufmerksamkeitssteuerung, die bereits für analoge Verfahren eingeübt sind. Die Parabel zeigt freilich, dass auch solche Projekte der totalen Machtrepräsentation aus sich heraus zum Einsturz kommen und aus dem Symbol der Macht, der Karte, wieder Allerweltsdinge machen, Ruinen behaust von Tieren und Bettlern.

Mit jedem Akt des Aufschreibens und des Kartografierens wird immer auch ein spezifisches Wissen über die Konstruktion dieser Verzeichnung verdeckt, tritt die Karte als ein Machtdispositiv mit inszeniertem Beobachter, als ein medialer Effekt in Aktion – eine Textperformanz, welche die Sache selbst (die Landschaft, den Cyberspace) verdeckt. Bedenkt man, dass in der Kartografie (wie im Schreiben überhaupt) das Verfahren in seiner Materialität stets und uneinholbar mitschreibt an dem, was zu notieren wäre, müsste man daraufhin ein Schreibkalkül entwickeln.

 

 


1 Diese Überlegungen zur Kartografie und elektronischem Schreiben wurden vom Verfasser ausführlich und auf Medienkunst bezogen dargestellt in: „Kartografien des Interface. Zum Widerstand des elektronischen Schreibens bei Duchamp, O.U.L.I.P.O., Jodi und Knowbotic Research.“ In: Martin Stingelin et al. (Hg.): ‚System ohne General’. Schreibszenen im digitalen Zeitalter. München, 2006, 101-130.
 
2 Vgl. zum Zusammenhang von Licht, Wahrheit und Sehen die Diskursanalyse „Der Blick und das Licht“ von Hans-Dieter Bahr. Hans-Dieter Bahr: Über den Umgang mit Maschinen. Tübingen: Konkursbuchverlag, 1983, 51-65.

3 Suárez Miranda: Viajes de varones prudentes. IV. Buch, Kapitel XLV, Lérida 1658; zit. n. Jorge Luis Borges: “Von der Strenge der Wissenschaft”. In: Ders., Borges und ich, München: Hanser, 1982, 121; vgl. Umberto Ecos Parodie: “Die Karte des Reiches im Maßstab 1:1.” In: Ders.: Platon im Striptease-Lokal. München: Hanser, 1990, 85-97.

4 Gabriele Brandstetter deutet das Verhältnis von Karte und Welt in dieser Erzählung als Defiguration „Das Kippen zwischen Naturformation und figuriertem Notat geschieht im Maßstab 1:1; und eben durch diese ‚Gleichung’ löscht sich, defigurativ, die Ordnungs- und Orientierungsstruktur der Karte in der Wahrnehmung und im Gedächtnis aus.“ Gabriele Brandstetter: „Figur und Inversion.“ In: Bettina Brandl-Risis, Wolf-Dieter Ernst, Meike Wagner (Hg.): Figuration. Beiträge zum Wandel der Betrachtung ästhetischer Gefüge. München: Epodium, 2000, 189-212, 197.
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