Zurück zum Populären: Web-Archive
Warum kann man YouTube als Archiv des Populären betrachten, wenn doch, wie Stäheli konstatiert, das Archiv und das Populäre in einem paradoxen Verhältnis zueinander stehen – das Archiv das Populäre still stellt und in der Dokumentarisierung aufhebt, oder aber das Populäre das Archiv sprengt. Es funktioniert genau dann, wenn man die Perspektive der Archiv-Praxis einnimmt: Die Populärkultur wird in Social Networking Sites nicht in statuarischen Ordnungssystemen tot gestellt, sondern die Selektions- und Ordnungsprozesse werden dort performativ offen gehalten und eben genau als populäre Archiv-Praxis dargestellt. Hier verschränkt sich das Bild eines ‚Archiv-Dunkels’ und einer offenen Oberfläche des Populären zu einem hybriden Konzept. Paradigmatisch hierfür steht YouTube, mediales Phänomen, hyperkonnektives Spielfeld, das als Bildarchiv bestimmte populäre Medienpraxen anbietet. Hier, so scheint es, fallen monumentale und performative Archiv-Praxis in eins und schaffen so das Modell eines populären Archivs.
Das populäre Archiv verbindet die Eigenschaften des Populären – Allgemeinverständlichkeit und Allgemeinzugänglichkeit – mit den Ordnungssystemen des Archivs sowie seiner Aufgabe einer kulturellen Kontinuation. Sowohl ARTigo 2.0 als auch YouTube ersetzen zum Teil individuelle Handlungsmacht durch kollektive Handlungsmacht im Archiv. Während bei beiden die redaktionelle Struktur und Eingriffsmöglichkeit immer noch im Hintergrund wirkt, gibt es doch einen großen und wichtigen Bereich, in dem das kollektive Handeln in Erscheinung tritt.
Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Beuys-Hommage How to Explain Pictures to a Dead Rabbit (2006). Das Filmchen zeigt eine Barbie-Puppe und verschiedene kleine Objekte in einem Karton. Im Hintergrund sehen wir eines der ikonischen Fotos von Yves Klein’s Anthropometrien. Zunächst kopiert die Barbie-Puppe die Pose des Klein-Modells, dann nimmt sie ‚Bugs Bunny’ auf den Arm, transformiert in eine weißhaarige Figur mit einer braunen Weste. Verschiedene kleine Objekte, eine kleine Tasche, Knetklumpen, Schnüre fliegen durch den Karton. Schließlich geht die Weißkopf-Barbie mit dem Häschen im Arm ab. Man könnte nun verschiedene Details des Animationsfilms als Verweise auf das Werk Joseph Beuys’ deuten, an dieser Stelle soll es allerdings um den Aspekt des Archivs gehen. Deutlich wird hier die Zusammenführung der kunstgeschichtlichen Dimension und des historischen Bild-Archivs. Man erkennt die Übernahme bekannter Kunst-Ikonen und deren Ironisierung, Brechung im populären Genre des Animationsfilms und seinen Akteuren aus der Spielzeugindustrie und der Massenware Cartoon.
How to explain Pictures to a Dead Rabbit (2006), Screenshot M.W.
Der Bild(ungs)kanon der Kunstgeschichte wird zur Disposition gestellt und reflektiert. So antwortet der Filmautor msaz58 auf die Frage nach dem ‚Goldkopf’ der ursprünglichen Beuys-Aktion – Beuys hatte in seiner Kunstaktion Dem toten Hasen die Bilder erklären (1965) seinen Kopf mit Blattgold überzogen – mit einem Bekenntnis zu seiner eigenen persönlichen Bild(ungs)geschichte:
Von diesem Film ausgehend kann man auch zu den anderen 7 Videos von msaz58 gelangen, darunter auch eine Hommage an Samuel Beckett, an Georges Bataille, an Richard Serra. Das kunsthistorische Panoptikum wird noch erweitert durch eine „Video Response“ zu How to Explain…: von maxbeckmann höchst persönlich. Hier nun kommt das Kollektiv ins Spiel. Neben Kommentaren und Video Responses sind es natürlich die Ratings und Views, die einen Spiegel der kollektiven Handlungsmacht darstellen. Mit 1210 Views bis Anfang September 2008 ist How to Explain… nicht wirklich als ‚viral’ zu bezeichnen, doch die 4 von 5 vergebenen Sterne bei der Bewertung signalisieren ein kleines aber hochzufriedenes Publikum. All diese Werte und Parameter, die ich hier verschriftlicht habe, sind zum Zeitpunkt der Rezeption meines Textes schon wieder obsolet geworden. Das Video-Dokument How to Explain… verhält sich schon wieder anders zu den Usern, neue Kommentare, haben neue Seiten hervorgehoben, die Ratings gingen rauf oder runter und der Filmautor hat eventuell die Tags (gerade noch „performance“, „Beuys“, „rabbit“, „stopmotion“) verändert und eine völlig neue User-Gruppe erreicht. Vielleicht ist ihm sogar der virale Durchbruch gelungen und das Video schießt in den Erfolgskanon der YouTube-Geschichte.
Bei soviel performativer Offenheit stellt sich dem Archivar natürlich die wichtige Frage des gesicherten Bestandes, wenn sich die Inhalte ständig verändern, weiterentwickeln und auch die Praxis Änderungen unterworfen ist. Müsste man nicht eine zweite Ordnung schaffen, die bestimmte Momente in der Struktur des Web 2.0 einfriert, dokumentiert und als Status quo einer zeitlichen Stillstellung festhält? Quasi als ‚Funksignal’ aus dem populären Archiv? Damit würde man aber das Web-Archiv wiederum in die Ordnung des klassischen Archivs zu überführen suchen. Es gibt keine Antworten auf diese Fragen, aber vielleicht kann man an dieser Stelle mit Hartmut Winkler auf der Kultur stiftenden Rolle des Vergessens beharren, als ‚Vergessen hinein in die Struktur’, als Verdichtung im subjektiven Horizont vergleichbar Freuds Traumkonzept. [Vgl. Winkler 2002: 308]

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