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Praxis und Archiv

 

 

Der Zusammenhang von Archiv und Praxis ist bereits vielfach im Sinne von Machtdispositiven (im Bezug auf Foucault) und Wissensformationen (im Bezug auf de Certeau) beschrieben worden. Von Diana Taylor und Hartmut Winkler werden Aspekte eingeführt, die für unseren Themenzusammenhang interessant sind:  Während man mit Diana Taylor eine Gegenüberstellung von materiellem Archiv und performativer Körper-Praxis ausdifferenziert sieht, versucht Hartmut Winkler die Zusammenführung beider auf der Ebene des Diskurses und der kulturellen Praxis der Medien. Winkler geht es um die Kontinuierung von Diskursen, die er in einem zyklischen Modell von Monumentalität und Wiederholung darzustellen sucht. Das Monument entspringt einem subjektiven Akt der Niederlegung, die wiederum auf die kulturellen Praxen zurück wirkt. Während nun das Monument eine Stabilisierung oder Hemmung bewirkt, so bewirkt die Praxis der Wiederholung – verstanden als Identität und Differenz – eine Verschiebung und neuerliche Niederlegung. Daraus ergibt sich die paradoxe Verschränkung von Monument und Diskurs:

Monumente können Wiederholung ersetzen, weil sie selbst gesellschaftliche Maschinen zur Initiierung von Wiederholung sind. Diskurse erreichen ihre Kontinuierung, indem sie Instanzen der Beharrung schaffen, die neben den Diskursen (und in Spannung zu ihnen) persistieren. [Winkler 2002: 297-315, 309]

Winkler setzt damit das Monument, das er in einem erweiterten Sinne auch als archivarisches Schriftdokument oder als historischen Bau betrachtet, in eine Wechselwirkung zur diskursiven Praxis. Diana Taylor versteht Praxis in erster Linie als Körper-Praxis und operiert in ihrer Gegenüberstellung von materiellem Archiv und performativer Körper-Praxis mit den Begriffen ‚archive’ und ‚repertoire’:

The rift, I submit, does not lie between the written and spoken word, but between the archive of supposedly enduring materials (i.e., texts, documents, buildings, bones) and the so-called ephemeral repertoire of embodied practice/knowledge (i.e., spoken language, dance, sports, ritual). [Taylor 2003: 19]

Während das ‚archive’ mit landläufigen Vorstellungen des Archivs übereinstimmt, spezifiziert sie das ‚repertoire’ als „ephemeral, nonreproducible knowledge“, das auf einer Präsenz-Situation beruhe:

The repertoire requires presence: people participate in the production and reproduction of knowledge by ‚being there,’ being a part of the transmission. As opposed to the supposedly stable objects in the archive, the actions that are the repertoire do not remain the same. The repertoire both keeps and transforms choreographies of meaning. [Taylor 2003: 20]

Damit hat sie performative Formen der Transmission benannt, die ebenso wie das Archiv Prozessen von Selektion, Memorisierung, Internalisierung und Repräsentation unterworfen sind.

The archive and the repertoire have always been important sources of information, both exceeding the limitations of the other, in literate and semi-literate societies. They usually work in tandem and they work alongside other systems of transmission – the digital and the visual, to name only two. [Taylor 2003: 21]

Was Taylor hier fast beiläufig in Verbindung setzt, nämlich das Archiv, das Repertoire und das Digitale sowie das Visuelle, lässt sich als zentraler Fokus in eine neue Bedeutung führen. Wenn man das Archiv und das Repertoire im Sinne Taylors nicht nur auf konkrete kulturelle Formen bezieht, so wie Taylor das in ihren Beispielen tut, sondern im Sinne von produktiven Aspekten einer Wissens-Transmission liest, dann lassen sich diese Bereiche eng verschränken. Ich möchte in diesem Beitrag so weit gehen zu behaupten, dass in digitalen Strukturen des Wissens-Transfers sowohl das Archiv als auch das Repertoire als Funktionen von ‚Wissens-Handeln’ zusammengeführt werden. Und genau in diesem Zusammenführen liegt die Spezifik digitaler Archiv-Formen. Für ihre Analyse der Opposition von Schriftkultur und Performance-Kultur als Transmissionen europäischer und mittelamerikanischer Identitäten führt Taylor den Begriff des Szenarios ein, um beide Transmissions-Praktiken – das Archiv und das Repertoire – integrieren zu können: „[S]cenario as a paradigm for understanding social structures and behaviors might allow us to draw from the repertoire as well as the archive.“[Taylor 2003: 29] Und an anderer Stelle: „[T]he notion of the scenario allows us to more fully recognize the many ways in which the archive and the repertoire work to constitute and transmit social knowledge.“[Taylor 2003: 33] Ein Szenario in diesem Sinne könnte für unseren Zusammenhang als Medienpraxis übersetzt werden. Eine Medienpraxis analysieren hieße dann, die Prozesse der Wissensvermittlung zwischen der Archivierung von Objekten und der Performanz der Tradierung als Körper-Praxis zu beobachten und zu beschreiben.

Von Winkler und Taylor ausgehend – die sich beide mit der kulturellen Kontinuierung und Tradition befassen und deren Prozesse als Praxis beschreiben – stellt sich nun jedoch die Frage, ob diese Archiv-Praxis in einer Archivstruktur darstellbar ist und inwieweit sie sich in den medialen Prozessen des Web 2.0 finden lässt.

 

 

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