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Das Populäre und das Archiv

 

 

Das Populäre und das Archiv sind zwei sich gegenseitig aufhebende Gegenstandsbereiche, wenn man ersteres mit den Kennzeichen Allgemeinverständlichkeit und Allgemeinzugänglichkeit bei gleichzeitiger affektiver Verankerung (Williams 1976) verbindet und letzteres in erster Linie als Selektionspraxis und normative Wissensformation versteht (Foucault 1969, Derrida 1995).

Raymond Williams’ Bestimmung des Populären bietet sich geradezu für eine kommunikationstheoretische Weiterentwicklung an. In diesem Sinne lässt sich Allgemeinzugänglichkeit als eine Art Hyperkonnektivität reformulieren: Populäre Kommunikationen verfügen über eine äußerst große Anschlussfähigkeit an ganz unterschiedliche bestehende Kontexte. Das Populäre verbindet sich mit einem Kommunikationsmodus der erhöhten Zitierbarkeit, da populäre Semantiken weniger stark kontextgebunden sind als ‘ernsthafte’ Semantiken. Die These der Allgemeinzugänglichkeit stellt die Idee eines Archivs des Populären vor eine Paradoxie: Kann das Allgemeine als Bewahrenswertes selegiert werden? [Stäheli 2002, 73-83, 73f.]

Stäheli konzediert hier den Cultural Studies ein grundsätzlich normatives Verständnis des Populären, das auf die Politik der Inklusion setzt. Das heißt, es geht hier um die Erweiterung der aufbewahrenswerten Materialien in den Bereich der Populärkultur. Die Konsequenz dieser Erweiterung der archivalen Politik der Inklusion führte jedoch zur entropischen Überlagerung des Populären selbst:

Würde man das allgemein Verständliche archivieren, dann verdoppelte sich nur das, was überall sowieso schon vorhanden ist. Das Archiv würde zum Double des Allgemeinen. Die Tiefe und das Dunkel des Archivs würden der offenen Oberfläche weichen. Wichtiger noch, ein Archiv-Effekt würde das unnötig Archivierte ‘entpopularisieren’: Das Populäre, das ehemals allgemein Zugängliche müsste sich einer spezifischen archivarischen Ordnung, einem Archiv-System, fügen. Die Archivtechnik würde der zuvor hyperkonnektiven Kommunikation ihre Ordnung auferlegen und damit eine große Zahl von Anschlussmöglichkeiten ausschließen. Das Populäre hätte zwar seinen Verwahrungsort gefunden – und damit auch gleichzeitig seine konstitutive Ortlosigkeit aufgegeben. [Stäheli 2002: 75]

Stäheli belässt es dabei und löst dieses Paradox nicht auf, er erweitert das Problem nur auf den Bereich der filmischen und populären Kulturtechnik des Spezialeffektes und lässt uns ratlos zurück in ausufernden Metaphernschleifen.

In der jüngsten Vergangenheit nun werden wir mit fluktuierenden Archivstrukturen konfrontiert, die sich via Internet und Netzwerk-Konfigurationen als dynamisch veränderbares Bilderkonvolut und als selbstreflexive Medienpraxis präsentieren. Inwiefern nun können diese Internet-Archive klassische Aufgaben des Archivs erfüllen und welche Möglichkeiten und Probleme halten sie bereit?

Die Archivwissenschaft ist herausgefordert durch digitale Technologien. So macht Winfried Schulze im Jahre 2000 eine Neubestimmung der archivarischen ‚Ordnung des Bewahrens’ angesichts einer pluralistischen und zunehmend medial operierenden Wissensgesellschaft zu einem Desiderat:

 Diese Ordnung muss so angelegt sein, dass sie

 1)  den archivarischen Grunderfordernissen von Evidenz,
      Verantwortlichkeit und Erinnerung gerecht wird,

 2)  die Totalität gesellschaftlicher Realität widerspiegelt und

 3)  bemüht ist, die Möglichkeiten digitaler Speicherung und Zugriffe auf
      solche Bestände bewusst und zukunftsorientiert einzuplanen.
      Hier liegt wohl die entscheidende Herausforderung der nächsten Dekade.
      [Schulze 2000: 15-35, 34]

Zurecht formuliert Schulze dies zu einem Zeitpunkt, da die digitalen Speichermedien hinlänglich geeignet scheinen, Papier- und Zettelordnungen des Archivs zu ersetzen. Doch wie sehen diese Kriterien einer ‚Ordnung des Bewahrens’ im Denkhorizont des Web 2.0 aus?

Evidenz, Verantwortlichkeit und Erinnerung sind deutlich subjektbezogene Kriterien, die mit ethischen Werten und einer individuellen Vorstellung von Wissenskultur einhergehen. Hier geht es um die oben benannte Politik der Inklusion, die vertreten wird von Archivaren und deren Bezugssystemen. Das politische Problem der inkludierenden Macht verlagert sich im Web-Archiv auf die Politik der Aufmerksamkeit. Wenn wir wiederum YouTube als paradigmatisches Beispiel betrachten, dann kann dort grundsätzlich Jeder neue Dokumente einfügen. Problematisch in dieser Hinsicht ist das technische Paradigma: es lassen sich grundsätzlich nur digital darstellbare Dokumente integrieren, die den jeweiligen Standards der Web-Plattformen entsprechen müssen. Aber die formale Selektion der Quellen ist auch den klassischen Archiven nicht fremd, so finden sich etwa nur schriftliche Quellen zu Duft und Temperatur von historischen Ereignissen...

Brisant sind allerdings die Strategien der Aufmerksamkeits-Ökonomie, die sich verschiedener Instrumente bedienen – von der Rangfolge der ‚Views’, den Bewertungen, den editorischen Instrumenten der ‚Teaser’-Leisten („Videos watched right now“, „Video of the Month“ etc., bis zu ‚Tagging’ und ‚Viral Marketing’.[3] Letzteres erweist sich als mindestens so machtvolles Instrument wie die Selektionspraxis des Archivs.[4] Es handelt sich hier um die planvolle Streuung von Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Video der Plattform durch Email-Listen und eine gezielte Beeinflussung der Kommentare zu einem Video, damit es in die Kategorie der „Most Viewed Videos“ kommt, dem Olymp der maximalen Aufmerksamkeit. Diese Praxis ist natürlich bereits von großen Konzernen als Werbestrategie entdeckt worden und wird gewinnbringend genutzt. Dan Ackerman Greenberg legte mit seinem Text „The Secret Strategies Behind Many ‚Viral’ Videos“ im November 2007 seine umfassende Kenntnis der Kommunikationsstrukturen von YouTube offen und die totale Instrumentalisierung dieser Strukturen für die Promotion eines Produktes. [Greenberg 2007] Hier wird schonungslos aufgedeckt, was man schon immer zu wissen glaubte: populäre Medienphänomene sind verbunden mit Manipulation und Volksverdummung. Doch wesentlich interessanter ist die Frage, ob ein Web-Archiv in der Lage wäre, solche kapitalistischen Machtinteressen zu unterlaufen und auf welche Weise sich die ‚Performanz’ des sozialen Netzwerkes davon regenerieren könnte.

Dies führt zum zweiten Punkt der ‚Ordnung des Bewahrens’, dem Gebot „die Totalität gesellschaftlicher Realität widerzuspiegeln“. Die Medienpraxis von YouTube und Social Networking Sites im Web 2.0 ist sicherlich derzeit ein wichtiger Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Aber wie ließe sich dies in einem klassischen Archiv abbilden? Es ist möglich, mit bestimmten Programmen, Videos von YouTube herunter zu laden und als Movie-Dateien zu speichern.[5] So kann man diese Daten in die Speicher-Logik des Archivs überführen. Aber damit hat man nur einen kleinen Ausschnitt der YouTube-Realität greifbar gemacht. Wie könnte man von singulären mov-Dateien eine Rekonstruktion des YouTube-Zeitalters wagen? Heißt das, ein Archiv, das die medialen Praxen der Gegenwart archivieren möchte, müsste im Prinzip deren Strukturen annehmen. Archivarische Praxis würde dann nicht nur zu einem Spiegel gesellschaftlicher Realität, sondern zur Performanz einer Selbstbeobachtung dieser Realität. Wenn wir nochmals zurück gehen zum Problem des ‚Viral Marketings’, dann können wir konstatieren, dass es sich hier um einen Teil gesellschaftlicher Interessen handelt, die nicht nur über die Web-Struktur vorangetrieben werden, sondern auch dadurch im Web-Archiv beobachtbar werden.

Der dritte Punkt, die Kontrolle über die Speicherung von digitalen Quellen und den Zugriff darauf favorisiert geradezu die Form des Web-Archivs. Martin Warnke hält uns jedoch eindringlich vor Augen, inwieweit gerade das digitale Archiv dem Verschwinden und Vergessen unterworfen ist. Das unkontrollierte Entstehen und Löschen von Websites machen das Internet zu einem Fass ohne Boden – eine denkbar ungünstige Voraussetzung für die Archivierung. Darüber hinaus ist das Problem des data rot nicht zu greifen: Die Entwicklung von Speichermedien und Formaten überschlägt sich und macht gespeicherte Files schnell zu unzugänglichem Datenmüll. Warnke kommt zu dem deprimierenden Fazit:

Nur Macht und Geld können [die digitalen Archive-M.W.] vor dem Verfall retten, die so viel anfälliger sind als ihre analogen Vorläufer. Und wer die überkommenen Dokumente so unter seiner Ägide hat, kann sie nach Belieben einsetzen, interpretieren, vorenthalten. Sehr real vernichtet der technische Fortschritt, der unabdingbar ist, um immer mehr Dokumente in digitale Archive einstellen zu können, das Archiv selbst: Digitale Archive sind Schauplätze eines Mal d’Archive, eines digitalen Archiv-Übels. [Warnke 2002: 269-281, 277]

Dem Verfall der Daten, der negativen Information, kann nur durch eine lebendige Archiv-Praxis entgegen gewirkt werden.

Archive, digitale zumal, überdauern nur, wenn sie ständig benutzt werden, wenn eine erhaltende Instanz sie stets neu kodifiziert, interpretiert und bewertet, sich ihre Dokumente handelnd aneignet, sie herausgibt oder verheimlicht, damit Wissen ermöglicht und strukturiert, Handlungen provoziert oder zu unterdrücken trachtet. [Warnke 2002: 280]

Diese Archiv-Praxis muss in unserem Zusammenhang weitergedacht werden, nicht nur als Pflege der Zugänglichkeit von Dokumenten, sondern als eine Praxis, die hineinreicht in die Praxen der gesellschaftlichen Realität, also der Medienrealität des Web 2.0.

Zusammenfassend kann man sagen, dass uns mit Social Networking Sites ein Modell möglicher Web-Archive zur Verfügung steht, das über die von Schulze benannte Neubestimmung einer ‚Ordnung des Bewahrens’ hinausreicht und einer besonderen Reflexion der Praxis im und am Archiv bedarf.

 



3 Ich verdanke den Hinweis auf ‚Viral Marketing’ Teresa Hörl. Vgl. hierzu auch den Artikel Christian Kortmann: „Die gekaufte Weisheit der Vielen. Virales Marketing auf YouTube.“ In: SZonline, 19.06.2008.

4 Man muss sich vor Augen halten, dass nur 5% aller angebotenen Materialien von Archiven in den Bestand aufgenommen werden. Siehe Schulze 2000: 22.

5 So etwa mit Videobox oder Save2pc, welche YouTube-Files in mov-Dateien konvertieren können.

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