Populärkultur und Archiv
Social Networking als Archivpraxis
Meike Wagner (München)
Zwei Szenarien der Web Science
Im letzten Sommersemester sprang ich kurzfristig bei einem Kollegen ein, um eine Vorlesung zum Thema ‚Mainstreaming Counterculture’ zu vertreten. Kein Problem, hatte ich doch ausreichend Textmaterial in der Schublade, um das Thema angemessen darzustellen. Es sollte um Joseph Beuys gehen und seine leichtfüßige Verquickung von Kunstanspruch, politischem Engagement und Massenkultur. Um Anschaulichkeit bemüht, versuchte ich schnellst möglich an Bildmaterialien zu kommen und scheiterte an Beuys’ berühmtem Protest-Song Sonne statt Reagan. Für eine Aufzeichnung des Fernsehauftritts vom 3. Juli 1982 in der ARD-Sendung Bananas hätte ich einiges an Telefonanrufen und vor allem an Zeit – die ich ja nicht hatte – einsetzen müssen. Mein letzter Rettungsanker war YouTube. Hier fand ich das Video in drei verschiedenen Qualitäten, eine Dokumentation der heutigen Rezeption, die mir die Aktualität von Beuys Werk noch mal eindrücklich vor Augen führte, und ich stieß, quasi nebenbei auf den kleinen Animationsfilm How to explain Pictures to a Dead Rabbit (2006), der sich witzig ironisch auf das Werk von Beuys bezog. Damit hatte ich nicht nur ein Bilddokument in einem unendlich umfassenden Archiv gefunden, sondern gleichzeitig Spuren einer Praxis mit diesem Dokument, die mir ein komplettes Argument für die Diskussion des Zusammenhangs von Mainstream und Counterculture lieferten.
Während ich mich nun euphorisieren ließ von den Archiv-Perspektiven des Web 2.0, wurde
ich aufmerksam auf ein Online-Projekt des Münchner Instituts für
Kunstgeschichte: ARTigo 2.0 (http://artigo.gwi.uni-muenchen.de). Es handelt
sich dabei um ein Tagging-Spiel, bei dem man Bilder aus dem digitalen Archiv –
Abbildungen kanonischer Gemälde – mit assoziativen Begriffen in Verbindung
bringt. Im Spiel hat man einen unsichtbaren Gegner – wenn die ausgewählten Tags beider Personen übereinstimmen, dann werden sie als Annotation des Bildes gespeichert. Man hat dann sozusagen gemeinsam einen Treffer gelandet. Je
mehr Begriffe man also in der gewährten Zeitspanne eingibt, desto höher liegt
die Trefferwahrscheinlichkeit. In meinem Beispiel sind in roter Schrift einige
Tabubegriffe aufgeführt, auf der rechten Seite erscheinen die von mir
geschriebenen Tags. Die blauen Punkte symbolisieren die Begriffe des Gegners,
bisher haben wir keine übereintreffenden Begriffe, also 0 Punkte.
ARTigo 2.0, Screenshot M.W.
Höchst irritierend an diesem Spiel ist sein Kontext. Nicht nur, dass ein seriöses Institut für Kunstgeschichte ein solches Spiel, das eindeutig populäre Online-Spielpraxen kopiert, entwickelt und anbietet, nein, es gibt sogar Aussagen der Spiel-Erfinder[1], die Annotationen von Laien seien häufig kreativer und zielführender als die der mit der Erforschung des Bildmaterials befassten Wissenschaftler. Und: ein Bildarchiv ohne umfassende Annotationen sei eine Ansammlung gleichsam ‚toter’ Bilddaten, die nicht beachtet würden. Ziel des Projektes ist es, mithilfe des Online-Spiels ARTigo 2.0 ein umfassendes annotiertes Bildarchiv zu erstellen, und somit die gespeicherten Bilddaten wissenschaftlich sinnvoll verwerten zu können.
Beide Szenen böten reichlich Stoff für Andrew Keens kulturpessimistische Sicht auf die neuen Medien. Keen bezichtigt das Internet und vor allen Dingen die Medienpraxen des Web 2.0, die menschlichen Kulturleistungen und gesicherten Wissensbestände aufzulösen und durch populäres Halbwissen zu ersetzen. Die Schreibpraxis der Wikis etwa ersetze das Wissen professioneller Experten durch permanente amateurhafte Umschreibung. Die menschliche ‚Culture’ werde ersetzt durch den ‚Cult of the Amateur’[2], also die populäre und kulthaft zelebrierte Übernahme der Wissenskultur durch Amateure im Netz.
Man kann nun Keen recht leicht eine bildungsbürgerliche Semantik nachweisen und sein Argument aushebeln. Dennoch bleibt der Konnex von wissenschaftlicher Archivarbeit und populärer Medienpraxis suspekt, und führt zu Irritationen, wie die oben dargestellten Szenen veranschaulichen. Wann immer man auf die Verbindung dieser beiden Bereiche stößt, genügt es nicht, Bildarchive als Container für wissenschaftliche Materialien zu betrachten, man muss die Performance, die Praxis am und im Archiv reflektieren: Welchen Praxiszusammenhang bilden das Populäre und das Archiv? Gibt es überhaupt ein Gemeinsames der beiden, da sie doch auf sich gegenseitig ausschließenden Prämissen beruhen?

