Archiv-Diskurse und Medialität
Was sind Dokumente und Aussagen, Spuren und mediale Artfakte, auf die die Geschichte(n) der Performance-Kunst, der Aufführungskünste allgemeiner, zurückgreifen kann? Diese grundlegende Frage trifft sich mit dem Nachdenken über archivarische Praktiken - über Speichern, Sammeln, Aufbewahren und Ordnen - in Zeiten digitaler Medien. Und sie greift zurück auf einen von Michel Foucault vorbereiteten Begriff des Archivs. Er bezeichnet nicht mehr die staatliche Institution mit juristischem Auftrag, sondern versteht Archiv als eine grundlegende Bedingung für Geschichtsschreibung im System ihrer diskursiven Praktiken.
Das Archiv als Teil diskursiver Praktiken ist in Foucaults Archäologie-Begriff zu einer besonderen Art von Geschichtsschreibung verdichtet, deren Merkmal, neben anderen, es ist, immer wieder neu geschrieben zu werden:
In aktuellen Reflektionen zum Archiv verbinden sich Forderungen nach einem 'beweglichen Zugang' zu Ereignissen der Vergangenheit mit medientheoretischen Fragen. Die Beglaubigungsstrategien, die Aussagen und Bilder als Dokumente auszeichnen, werden befragt und durch Aspekte gegenwärtiger Praxen im und am Archiv ergänzt. Dokumente oder Spuren – beide Begriffe sind medientheoretisch zu präzisieren – von Performances bzw. Aufführungen werden als mediale Transformationen verstanden, deren technisch-apparative und ästhetisch-diskursive Bedingungen reflektiert werden müssen. Ihre Medialität wird nicht mehr als notwendige Voraussetzung vernachlässigt, sondern gerade als Bedingung aktueller Lesarten und Kontextualisierungen begriffen.
Eine solche Reflektion der Medialität überschreitet die Besonderheiten eines Archivs der Performance-Kunst oder des Tanzes (oder anderer Formen der Aufführung) und verbindet sie mit weit reichenden Fragen nach der Möglichkeit und den Bedingungen, unter denen Bewegung in verschiedenen Medien speicherbar wird. Was (und wie zugerichtet) wird als Bewegung in Fotografie, Film und digitalen Medien gespeichert? Was und wie unterscheiden sich die daraus resultierenden Artefakte von Texten und Partituren, die als Speicher den audiovisuellen Medien voraus gingen, sie aber keineswegs abgelöst haben?
Der Umgang mit audiovisuellen 'Aufzeichnungen' eines Performance-Archivs - sowohl in der Arbeit am Archiv wie in den Arbeiten im Archiv - müsste die Diskurse über das Dokumentarische bzw. über das Fotografische als Reflektionen über das Verhältnis zwischen Objekt und Bild berücksichtigen.

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