Lost & Found
Performance und die Medien ihres Archivs
Barbara Büscher (Leipzig/Köln)
Eine bemerkenswerte Zahl von Ausstellungen und Aufführungen hat sich in den letzten Jahren mit der Vergegenwärtigung und Re-Vision der performativen Künste der 1960er und 1970er Jahre beschäftigt. Sie verweisen auf ein neu geschärftes Interesse an deren Geschichtlichkeit und fragen, wie man Zugang zu dieser Geschichte erhalten kann.
Das Interesse richtet sich auf die Anfänge der Performance Art seit Happening und Fluxus sowie deren Verbindung zum Postmodern Dance, wie sie die Arbeiten der Judson Dance Group und anderer Performer/Choreographen der 1960er Jahre repräsentieren. Es richtet sich ebenso auf das in der frühen Videokunst aufscheinende Verhältnis zu performativen Praktiken vor und mit der Kamera. Nicht nur die zeitliche Nähe der ersten Phase der Performance-Kunst zur Herausbildung der Videokunst verweist auf aktuell vergleichbare archivarische Anstrengungen. Sowohl die Geschichtsschreibung der Performance- wie die der Videokunst beschäftigen sich mit Ereignishaftigkeit, Aufführungs- und Präsentationsformen, mit der Auflösung des Werks in Prozesse sowie der Partizipation des Publikums.
Sind Ausstellungen und Re-Enactments einerseits Ausdruck einer Institutionalisierung und Sicherung vergangener Ereignisse wie auch deren Verwertung auf dem Kunstmarkt [1], so sind sie gleichzeitig in ihrer gegenwärtigen Inszenierung und aktuellen Kontexualisierung neue Formen der Aneignung. Sie sind beweglicher Umgang mit den Archiven. Sie aktualisieren die Frage nach dem Charakter der Artefakte, auf die sich alte und neue Erzählungen zu und über die Geschichte der Performance beziehen, und thematisieren ihre Lesbarkeit in je neuen Zusammenhängen.

