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Dennoch erstaunt die
Rigidität dieser Unterwerfung unter die Regeln der Disziplin.
Bourdieu unterdrückte mit dem Medium nicht nur ein
Ausdrucksmittel, das in besonderem Maße in seiner eigenen
Gespaltenheit den Anspruch der „teilnehmenden Beobachtung“
verkörperte und das außerdem in prägnanter Weise
seine eigene „unmögliche Position“ motivisch und strukturell
zur Anschauung bringen konnte. Er begab sich zudem auch eines
Mediums, das sich – diese beiden Aspekte verbindend – als Mittel
„teilnehmender Objektivierung“ angeboten hätte, wie sie für
Bourdieus Forschung und Theoriebildung zunehmend an Bedeutung
gewinnen sollte. Umso mehr rückt dieser gegen sich selbst
gerichtete Kraftakt die späte Kehrtwendung in den Blick, welche
man in der Bereitschaft sehen muss, die Fotografien nach 40 Jahren
doch noch zu veröffentlichen. Denn bleibt die eigene Fotografie
auch bis zu seinem Tod weitgehend aus der selbstreflexiven Analyse
ausgespart, so erfolgt die Entscheidung zu ihrer Veröffentlichung
doch im historischen Kontext einer bestimmten Entwicklung seiner
Praxis, die gerade die Bedeutung des dissonanten Habitus und des
Konzepts der „teilnehmenden Objektivierung“ nochmals
untermauerte.
Das betrifft zuerst die Nähe zum Gegenstand, die „libido sciendi“. [Bourdieu 2002: 55]
Sie verbindet Bourdieus fotografisches Forschungsverfahren mit
bestimmten Techniken des Interviews. Beide Formen der Datensammlung
zeichnen aus seiner Sicht die Ethnologen im Vergleich zu den
Soziologen positiv aus, seien sie doch bereit, „sich selbst mit der
Realität zu konfrontieren, sie eigenhändig zu
photographieren, in eigener Person zu befragen“, anstatt
Interviewer samt Fragebogen dazwischen zu schalten und aus
abgehobener Warte mit abstrakter Begrifflichkeit auf die
gesellschaftlichen Verhältnisse zu blicken. [Bourdieu 1993: 30]
In den 1990er Jahren unterzog er im Zusammenhang mit der Arbeit an La
misère du monde (1993) die Interviewtechnik einer
eingehenden kritischen Reflexion. Den in diese Konstellation
teilnehmender Objektivierung eingeschriebenen sozialen Problemen
kultureller und sozialer Asymmetrie sowie den daran geknüpften
Effekten symbolischer Macht begegnet er mit einer Haltung, die eine
„Art intellektueller Liebe“ verbindet mit der ständigen
Kontrolle des eigenen Standpunkts. [Bourdieu 2005: 400, 410]
Die darin definierte Offenheit, „die bewirkt, dass man die Probleme
des Befragten zu seinen eigenen macht“ und ihn „zu nehmen und zu
verstehen, wie er ist, mit seiner ganzen Bedingtheit“ zeichnete
auch Bourdieus Gebrauchsweise der Fotografie aus. [Ebenda: 400]
Es fehlt bei ihm jedoch das selbstanalytische Resumée der
eigenen Position als Fotograf, mit dem er für die Technik des
Interviews auf ein Selbstverständnis des Interviewers im Sinne
eines „Standpunkt[s] im Hinblick auf einen Standpunkt“ dringt. [Ebenda: 410]
Insofern vermisst man eine Stellungnahme zu seiner eigenen z. B.
bildungs- und professionsspezifisch machtdurchzogenen Stellung
gegenüber den Personen, die er in Algerien fotografierte. Etwas ähnliches gilt auch für die ausgebliebene Problematisierung
bildgebender Verfahren sowie des
„Marktes“, auf dem sie gehandelt werden – Aspekte, die im
Übrigen zwar Eingang in die Untersuchung zu den Gebrauchsweisen
der Fotografie aus dem Jahre 1965 fanden, ohne jedoch die eigene
fotografische Praxis mit einzubeziehen. Ausgespart bleiben
schließlich auch sämtliche Perspektiven, mit denen die
Fotografien in Stellung zu anderen Äußerungen oder
Methoden Bourdieus hätten gebracht werden können, etwa die
Frage nach dem Einsatz und der Funktion des symbolischen Kapitals,
das im Rahmen der Veröffentlichung der Bilder zum Tragen kommt.

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