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IV

 

 

Mit den der Fotografie immanenten Eigenschaften von Absenz und Nachträglichkeit kann außerdem deren dokumentarische, auf zeitliche wie physische Distanz angelegte Qualität an Gewicht gewinnen. Entsprechend dienen Bourdieus Aufnahmen nach ihrer Erstellung vor allem der Erinnerung an - im Prozess des Umbruchs – bereits nahezu Vergangenes. [Bourdieu 2003: 25] Sie transformieren damit von sozialen Annäherungsakten zu einem materiellen Erinnerungsspeicher. Als „Stock“, einem auf spätere Nutzung wartenden und sich gleichsam auch erst mit ihr legitimierenden Bilderfundus, entfernen sie sich von ihrer ursprünglichen funktionalen Direktheit und Präsenz. In Algerien noch ein symbolisches Unterpfand im Tausch von mitfühlendem gegen beobachtendes Interesse, konzentriert sich der Gebrauch der Fotografien nach seiner Rückkehr nach Frankreich auf die wissenschaftliche Objektivierung.

Hand in Hand mit dieser Vereinnahmung seiner Fotografien durch die eigene soziologische Forschung, findet das fotografische Medium mit der im direkten Anschluss beginnenden Arbeit an Un art moyen zwar einerseits als Untersuchungsgegenstand Eingang in Bourdieus wissenschaftliche Arbeit, verschwindet dafür aber andererseits nahezu gänzlich als Anschauungsmaterial. Bis zu der aktuellen Veröffentlichung des Archivbestands tauchten die eigenen Aufnahmen nur vereinzelt als Cover der französischen Ausgaben mancher seiner Bücher oder als Illustration auf; die überwiegende Zahl blieb unsichtbar und ungenutzt. In dieser Gebrauchsweise dokumentiert sich eine Selbstbeschränkung, die sowohl hinter Bourdieus fotografiebezogener Forschung als auch hinter seiner disziplinären Unabhängigkeit zurück bleibt, die ihn von der Philosophie zur selbst erlernten Soziologie und Anthropologie gebracht hatte. Im Jahre 2001 begründet er dies im Rückblick damit, dass die Fotografien nicht hinreichend „seriös“ und „wissenschaftlich“ waren, sondern ihm eher "narzisstisch“ und „selbstgefällig“ erschienen, hielten sie doch seinen Blick fest, den er selbst als „liebevoll, oft auch gerührt“ bezeichnet. [Ebenda: 48-49] Für den Ausschluss der fotografischen Bilder sind damit offenbar gerade solche Eigenschaften verantwortlich, um deretwillen er sich ihrer in erster Instanz bedient hatte. Dass er sich der wissenschaftlichen Regulierung, damals freiwillig unterwarf und erst im Nachhinein in der Orientierung an den fotografischen Aufnahmen ein ungenutztes Potential sieht, klingt in dem Interview von 2001 vorsichtig an. [Ebenda] Solche Formulierungen legen es nahe, den Verzicht auf die eigenen Fotografien seit den 1960er Jahren als eine Selbstpositionierungsstrategie im wissenschaftlichen Feld zu begreifen. Er opferte sie im Prozess seines disziplinären Wechsels vermutlich Anerkennungsanforderungen, war das photographische Bild doch aus der Soziologie früh verbannt worden, nachdem es zunächst in einer eher journalistischen Weise genutzt worden war.[1]

 

 

 


1 Zur Diskussion der Nutzung von Fotografie in der Soziologie vgl. etwa Stasz, Clarice. "The Early History of Visual Sociology". In: Images of Information. Jon Wagner (Hg.). Beverly Hills (CA) 1979; sowie dazu Wuggenig, Ulf. "Die Photobefragung als projektives Verfahren". In: Pragmatische Analyse von Texten, Bildern und Ereignissen. Henrik Kreutz (Hg.). Opladen 1991.

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