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Diese Leerstelle in den Schriften Bourdieus wird im Lichte der Herausbildung solcher Wissenschaftsgebiete wie der Visuellen Ethnographie, der Bildwissenschaft und der neuen Kulturwissenschaft, wie sie sich seit den späten 1980er Jahren abzuzeichnen beginnt, aber auch der Entwicklung der bildenden Kunst um so offensichtlicher. Die Aufwertung des Visuellen im Rahmen von wissenschaftlicher Analyse und Theoriebildung einerseits und die selbstkritische Auseinandersetzung mit deren Voraussetzungen und Bedingungen durch die künstlerische Institutionskritik andererseits blieb für Bourdieus Arbeit zunächst folgenlos, obwohl in den 1990er Jahren Kontakte zu Hans Haacke und Andrea Fraser bestanden, also zu Hauptvertreter/innen dieser künstlerischen Richtung. Gerade sie jedoch erlauben eine Lesart der späten Einwilligung Bourdieus in die Veröffentlichung seiner Fotografien im Sinne einer selbstentwerfenden archivarischen Praxis. Aus „institutionskritisch“ verfahrender Warte überführt die Ausstellung der Algerien-Bilder den Speicherzustand seiner fotografischen Sammlung in eine Zeitlichkeit, die eine Nutzung des Bestands als einen „Standpunkt im Hinblick auf einen Standpunkt“ erlaubt. Im Zuge dieser Verwandlung kann die Fotografie als eine Praxisform Bourdieus in Funktion treten, die aus einer gleichberechtigten Position heraus bedeutungsstiftend auf seine anderen Praxisformen einwirkt.[1] Zunächst stärkt sie nochmals nachdrücklich die Bedeutung teilnehmender Objektivierung und unterstreicht - wie die Interviewtechnik - eine Form des „Verstehens“, die eine affektive und gedankliche Nähe zu einem Gegenüber mit dem Bewusstsein für die unüberbrückbare gesellschaftliche Distanz paart. Des weiteren gerät Bourdieu infolge dieser Stärkung des Aspekts der Anteilnahme, aufgrund dessen er die Fotografien ursprünglich nicht für nutzungswürdig gehalten hatte und daher zur wissenschaftlichen Selbstzensur griff, in den 1990ern zum selbstbewusst vorgetragenen Außenseiterkriterium innerhalb seines hauptsächlichen disziplinären Felds. Trug das „commitment[2], das sich in den Fotografien abzeichnet, in seiner eigenen Einschätzung in den 1960ern und 1970ern noch zu einer potentiellen Schwächung seiner Position im soziologischen Feld bei, so stärkt es 30 Jahre später bei den Interviews, im performativen Verlass auf seinen bereits etablierten akademischen Status, eher seine mit den Besonderheiten einer Zwischenposition ausgezeichnete Stellung als Wissenschaftler.

Unter dieser Perspektive bindet die Rückbesinnung auf die Fotografie, auf eine Informationssammlung aus seiner frühesten Forschungstätigkeit im Feld der Soziologie und Ethnologie, seine gesamte wissenschaftliche Praxis zusammen und subsumiert sie unter dem methodischen Signet teilnehmender Objektivierung. Zwischen Empathie und Distanz, Engagement und Beobachtung lassen die ausgestellten Fotografien in dem für Bourdieu relevanten wissenschaftlichen Feld die um Deutungshoheit ausgetragenen Kämpfe mit ihren temporären Gewinnern und Verlierern, ihren Opfern, Strategien und Positionierungen sichtbar werden. Der Balanceakt zwischen den kontrastierenden Werten weist Bourdieus Position zudem immer schon als eine Stellung aus, die an den Überschneidungsflächen unterschiedlicher Felder - mit ihren jeweiligen Medien, Haltungen und Strategien – angesiedelt ist. Die Ausstellung seiner in Algerien hergestellten Bilder revidiert schließlich die 40jährige Aussparung der Fotografie, legt die Voraussetzungen und Annahmen bloß, die diese Auslassung bedingten, lässt die Objektivierung der eigenen objektivierenden Arbeit zu, die er als Schritte hin zum „Gipfel der soziologischen Kunst“ versteht [Bourdieu 1987: 294]. Insofern stellt die Bereitschaft, die Fotografien am Ende seines Lebens zu veröffentlichen, eine Form des selbstkritischen und umdeutenden Rückblicks dar, der in Parallele und Ergänzung zu seinem textuellen „Selbstversuch“ zu verstehen ist.[3] Er ermöglicht den Blick auf die Gesetze, die die Diskursproduktion in dem Verhältnis seines Habitus zu seinem „Markt“ regulieren, wie ihn die Entwicklungen der auf das Visuelle bezogenen Wissenschaften sowie der Bildenden Kunst konstituieren; er macht verschiedene Platzierungen und Platzwechsel Bourdieus im Ablauf seiner Lebensgeschichte nachvollziehbar; und er vermeidet die Falle der Autobiographie, gegen die Bourdieu sich in seinen Schriften so ausdrücklich wandte, indem er das eigene wissenschaftliche Feld durch dessen Neukontextualisierung im Verhältnis zum Visuellen zum Subjekt und Objekt der selbstreflexiven Analyse werden lässt.

 

 

 

Erstabdruck des Textes:
Beatrice von Bismarck, Therese Kaufmann, Ulf Wuggenig (Hg.): Nach Bourdieu: Visualität, Kunst, Politik, Wien 2008, S. 67-84.
Im Netz erstmals erschienen 2008 auf: http://eipcp.net/transversal/0308/bismarck/de
Die Fassung auf perfomap.de wurde den aktuellen redaktionellen Vorgaben formal leicht angepasst. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Herausgeber. 


1 Die Fotografien treten damit als Teile eines „System von Informationen“ auf, als die Susan Sontag Fotografien grundsätzlich begreift und das sich seinerseits aus den verschiedenen Praxisformen Bourdieus zusammensetzt. Vgl. Sonntag, Susan. Über die Fotografie. Frankfurt a. M. 1980: 149. In dieser relationalen Konstellation wird die Ausstellung der Fotografien im Zusammenhang von Bourdieus Lebenswerk zur „archivarischen Praxis“, die das Gespeicherte in ein aktualisiertes, neue Konstellationen und damit gewandelte Bedeutungen herstellendes Gedächtnis überführt. Zu diesem generativen Verständnis des Verhältnisses von Archiv und Gedächtnis vgl. etwa Assmann, Aleida. Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999 sowie zuletzt Ernst, Wolfgang. Das Gesetz des Gedächtnisses. Berlin 2007.

2 Den Anforderungen entsprechend, die er an die eigene Arbeit stellt, hebt Bourdieu die gelungene Versöhnung von „scholarship“ und „commitment“ ausdrücklich in seiner Auseinandersetzung mit Michel Foucault hervor, vgl. Bourdieu 2002: 91-92.

3 Zu dem selbst gestellten Anspruch an den „soziologischen Selbstversuch“ in Abgrenzung von einer Autobiographie vgl. Bourdieu 2002: 9.
 
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