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Auf dem Weg zum „Gipfel der soziologischen Kunst“

Pierre Bourdieus selbstreflexive Praxis im Licht des fotografischen Archivs

Beatrice von Bismarck (Leipzig)

 

 

 

I

Die in Algerien entstandenen Fotografien Pierre Bourdieus nach 40 Jahren in umfassender Weise zu veröffentlichen, bedeutet im Benjamin'schen Sinne ein Archiv „auszupacken“: jede einzelne gilt es, in die Hand zu nehmen, ihre Geschichte zu erzählen, - Motiv, Entstehungszeit und –ort, die Umstände der Aufnahme – und sie in unterschiedlichen diskursiven Zusammenhängen innerhalb der Praxis ihres Besitzers zu begutachten. [Benjamin 2002] Mit dieser Archivlogik stellen die Fotografien die verschiedenen Praxisformen Bourdieus in neue, bedeutungsverschiebende Konstellationen ein.[1] In ihnen illustrieren, belegen und unterstützen sie die in den wissenschaftlichen Schriften entwickelten Theorien, generieren sie nicht selten überhaupt erst; sie gehen gleichzeitig aber auch über diese einseitige Indienstnahme hinaus, fungieren sie doch als (Zerr-) Spiegel der Theorien, der einzelne Partien überdeutlich vergrößert, transformiert oder andersartig verknüpft. Die hier anschließenden Überlegungen verfolgen diesen Effekt. Den Rahmen bilden die unterschiedlichen Gebrauchsweisen der Algerienbilder seit Bourdieus Rückkehr nach Frankreich 1961: ihre fast völlige Vernachlässigung innerhalb seiner wissenschaftlichen Arbeit in den folgenden 40 Jahren einerseits und die Rückbesinnung auf sie andererseits in zeitlicher Nähe zu seiner seit 2000 betriebenen Arbeit an einem „soziologischen Selbstversuch“.[2]

Grundlegend für die Bedeutung, die die Fotografien für die Praxis Bourdieus besitzen, erscheint, dass sie, obwohl sie nur mehr einen Ausschnitt des ehemals erstellten Konvoluts repräsentieren, Auskunft geben über einen spezifischen fotografischen Blick. Aus ihm leuchtet ein für Bourdieus Praxis bestimmender Habitus ebenso hervor wie eine durch diesen Habitus geprägte Position. In mehrfacher Hinsicht manifestiert sich in ihnen eine Form der Ambivalenz und Zerrissenheit Bourdieus – gegenüber seinem Gegenstand, seiner wissenschaftlichen Disziplin und seinem intellektuellen Umfeld – die sich sowohl als Antriebsfeder seiner Arbeit als auch als Begründung von deren politischer Bedeutung verstehen lässt.

 


1 Zur Politik der Bedeutungsstiftung und –verschiebung innerhalb archivarischer Praktiken vgl. Sekula 1987. (Auszug aus Sekula, Allan. "Photography between Labour and Capital". In: Mining Photographs and Other Pictures: A Selection from the Negative Archives of Shedden Studio, Glace Bay, Cape Breton, 1948-1968. Photographs by Leslie Shedden.  Benjamin H. D. Buchloh, Robert Wilkie (Hg.). Halifax 1983).
 
2 Vgl. Bourdieu, Pierre. Ein soziologischer Selbstversuch. Frankfurt a. M. 2002. Zur Vorgeschichte dieser Publikation vgl. ebd., Franz Schultheis. „Nachwort“, S. 133-151. Zur Entstehungsgeschichte der Ausstellung von Bourdieus Fotografien vgl. Schultheis, Franz. Pierre Bourdieu und Algerien. Eine Wahlverwandtschaft. In: Pierre Bourdieu. In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung. Franz Schultheis, Christine Frisinghelli (Hg.). Graz 2003: 18-20.

 

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