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Archiv und Bezeugung

 

 

Archive

 

Die großen Archivinstitutionen des Westens jedenfalls, wie etwa die New York Public Library, die Derra de Moroda Dance Archives in Salzburg, die Mediathek des französischen CND, das Laban Centre in London oder auch das Tanzarchiv Leipzig haben demgegenüber alle ihre spezifischen professionellen Profile und Standards. Sie produzieren Gedächtnis und Erinnerungen mit dem Material, welches von der Aufführung und den Aufführenden zurückbleibt. Ihrem Wesen als Institution gemäß sind sie – und müssen es auch sein – weniger am Aktuellen und seiner Verknüpfung mit dem Vergangenen interessiert als an der systematischen Bewahrung und Erschließung. Das ist natürlich eine gewagte Bemerkung, die ich hier nur deswegen einfüge, um darauf hinzuweisen, dass noch die Aufzeichnung einer zeitgenössischen Aufführung – auf Video, im Programmzettel, als Künstlerprofil etc. – ein Akt der Bewahrung bleibt, die eine bestimmte Form der Materialität herstellt und somit das Aufführungsphänomen in ein anderes Medium, in einen anderen Aggregatzustand überträgt, in dem das Phänomen dann verbleiben muss, bis es durch eine neue Aufführung, eine neue Forschungstätigkeit, eine neue Verkörperung „reaktiviert“ werden kann. Diese Fragen betreffen sicherlich auch den Bereich der kulturellen Überlieferung insgesamt, sie gehören aber im Besonderen auch zur Definition des Tanzes und der Arten und Weisen der Wissensbewahrung und -vermittlung. In einem Memorandum der Mediathek des CND steht dazu:

Dokumentarische Bestände eröffnen neue Forschungsräume und bilden, parallel zum Körper und seinem Gedächtnis, ein wertvolles Corpus für wissenschaftliche Untersuchungen und theoretische Fortentwicklungen im Bereich der Geschichte wie der Ästhetik. Doch dominieren in all diesen Dokumentbeständen ikonographische Quellen, stehende oder bewegte Bilder (Photographie oder Film/Video). Nicht nur sind diese Bilder oft bis zum Überdruß bekannt und wiederholt, wodurch ein Redundanzeffekt entsteht, welcher das Bild der Vergangenheit stark beschränkt; man ist im Tanz-Bild mit einer besonderen Schwierigkeit konfrontiert: Was genau zeigt das Standbild von der Bewegung, und inwieweit kann ein Film in seiner Zweidimensionalität überhaupt von der „Körperlichkeit“ zeugen ...? [Sebillotte 2003, o. P.]

Die Frage ist allerdings nicht neu. So erschien 1935 in Paris die kleine Schrift über das „Museum des Sprechens und der Gebärde“, das Musée de la Parole et du Geste. Dort entwickelte man das Modell eines Ton-Archivs, um die vielfältigen Erscheinungsweisen der französischen Umgangssprache und deren dialektaler Varianten zu dokumentieren. Man sprach von einer akustischen National-Enzyklopädie der Redensarten, Dialekte und alten Lieder Frankreichs.[1] Bezugnehmend auf die vielfältigen und (vergleichbar dem Tanz) stets flüchtigen „mouvements sonores“ wünscht sich der stellvertretende Direktor der Einrichtung, Roger Dévigne, eine Laut-Druckerei, die nachhaltiger als das leblose Blei die subtilen Nuancen der menschlichen Empfindung festhält[2] ...

Die Flüchtigkeit des Schalls und seine Immaterialität werden – ähnlich wie beim Denken der Bewegung in ihrer tänzerischen Dimension – als Medien körperlicher Produktion von Kultur, von Sinn und Tradition entdeckt und problematisiert. Das Moment des Flüchtigen kontrastiert dabei mit dem Postulat des Bleibenden: dem Dokument (als Tonaufnahme, oder eben als Photo, Film, Bewegungsschrift). Der ursprüngliche materielle Träger der Botschaft – der menschliche Körper in seinem gesellschaftlichen und/oder ästhetischen Dasein – kann dieses Dokument allenfalls beglaubigen [Baxmann 2005]. Erst im Verfertigen eines dokumentierbaren Wissensbestandes (von Quellen, von Beschreibung, von Übertragung in andere Medien) entsteht das volle Bild.

Diese Form der Bewahrung und der Dokumentation steht heute vor den gleichen Fragen. Welche Quellen sollen gelten? Welche Wissenstatbestände lassen sich wie aufbewahren? Gerade mit dem Internet sind heute fast alle großen Dokumentsammlungen zum Tanzbereich für jedermann zugänglich. Man ruft das vorhandene Wissen nach Stichwörtern ab – nach Urhebern, nach Werken, nach Orten, nach Themen, d. h. nach all den Elementen, welche dem Tanz einen spezifischen Kontext geben. Man betritt ein Reich der Ordnungen, der Taxonomien und der Verschlagwortung. Dieser Bereich des Quellenwissens ist für den Tanz genauso gegeben wie für andere Disziplinen. Es gibt Datenträger und Suchmasken, Nutzeroberflächen und Encoded Archival Description, es gibt Online-Kataloge und Netzwerkverbünde, es gibt Informationsarchitektur und Mediensammlungen, es gibt Kompatibilitätssoftware und Einzelkonfigurierungen, es gibt, mit einem Wort, die Technologien des Wissens. Man definiert, welche Quelle relevant ist, wohin sie gehört, wer auf sie zugreifen soll und in welcher Form.

Das alles sind Wissensbestände auf Abruf: wie früher im Zettelkatalog standardisiert, systematisiert, konfiguriert, je nach Fragestellung und Autorisierungsgrad zugänglich und logisch.

 

 


1 „véritable encyclopédie nationale sonore des parler, patois et vieux chants de France.“ [Dévigne 1935: 13]

2 „imprimerie des sons, qui fixe plus profondément que le plomb inerte les nuances subtiles de la sensibilité humaine.“ [Dévigne 1935: 14]
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