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Archiv als Performance

 

 

 

Die Rekonstruierbarkeit dessen, was ich hier fortwährend das tänzerische Phänomen nenne, die Wiederherstellung des ewig Vergangenen ist zentral bei der Arbeit an der Geschichte des Tanzes, aber auch bereits bei der Herstellung, bei der Konzeptionierung des dokumentarischen Gegenstands.

Die übliche Unterscheidung zwischen choreografischer Praxis und archivarischer Erschließung basiert auf einer Trennung, auf einer Hierarchisierung: Der Tanz hat den ersten Auftritt, das Archiv den zweiten; der Tanz erhält den Schlussapplaus, das Archiv und seine Dokumente fegen anschließend die Bühne und bereiten eine Tabula rasa vor für den nächsten Auftritt des Tanzes. Diese Rollenverteilung ist vielleicht heute nicht mehr gültig, nicht mehr adäquat.

Zeitgenössische Aufführungskunst ist vielmehr von beidem geradezu besessen: von der so genannten Flüchtigkeit des Tanzes (der Performance) wie von der so genannten 'Versteinerung des Archivs'. Das gesteigerte Interesse an der lebendigen Vorführung UND ihrer Abhängigkeit von den Überresten dieser lebendigen Äußerung scheint mir viel eher dem nahe zu kommen, was man die Frage nach Zeitgenossenschaft nennen könnte. Denn es gibt keinen Tanz ohne Gedächtnis, ebenso wenig wie es ein Gedächtnis ohne spezifische Mittel und Medien zu seiner Bewahrung gibt. Weil Performance ihre spezifischen Kontexte braucht, sind beide aufeinander angewiesen: die ewige Vergangenheit des Archivs und die ewige Gegenwart des Tanzes, in der das zukünftige Gedächtnis überhaupt erst produziert wird. Wobei das produzierte Gedächtnis sich wiederum erst materialisieren und also zum Kontext werden kann, wenn es sich in einen gegenwärtigen Zusammenhang zu dem stellt, was gewesen ist (die Aufführung, der Live-Act). Nur so kann die Aufführung „etwas“ werden: Gegenstand des Diskurses, des Interesses, der Untersuchung … Statt der bloßen Umkehrung, von der Peter Stamer spricht, ist es vielleicht eher ein komplementäres Verhältnis: Die Gegenwart kann nur sein, weil sie ihre Vergangenheit in sich birgt und ihre Dauer als Dokument mitdenkt.

Aufgrund dieses innigen Verhältnisses und des sehr klar artikulierten Bewusstseins davon ist zeitgenössische Performance in sehr grundlegender Weise an die Spuren ihrer eigenen Vergangenheit gebunden.


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