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Verlorenes Wissen – Tanz und Archiv

Franz Anton Cramer (Berlin)

 

 

 

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Man kann es auch poetisch sagen:

... nichts ist vergänglich; der Abdruck eines Fußes im Sand reicht aus, um im Halbschatten das Bild jenes Körpers gegenwärtig werden zu lassen, dessen Gewicht die Spur hinterlassen hat. [Lannes 1938: 192]

So beschreibt es ein Autor im Jahre 1938. Die Poesie des Tanzes liege in seiner vergänglichen Unvergänglichkeit, in dem Zustand als Tanzen, bei dem der Tänzer „von Sekunde zu Sekunde aus seinem Körper einen neuen, einen anderen formt. Er macht dabei zunichte, was er war, um zu erreichen, was er erst noch sein wird.“ [Ebenda: 193]

Damit benennt Lannes alle Schwierigkeiten im Umgang mit einem Phänomen, welches zwar unbestreitbar ist, welches aber zugleich unbegreif-lich, ungreifbar ist: die als Tanzen gestaltete Bewegung. Tanz ist ein immer unstabiler Zustand; er ist ein Grenzfall des Rationalen, insofern er den Methoden und Instrumenten der Erkenntnis immer schon entschlüpft ist, mit welchen er dingfest, verständlich und habhaft gemacht werden soll.

Tanz findet auf jenem schmalen Grat statt, der sichtbar von unsichtbar, Sein von Nicht-Sein, materiell von immateriell unterscheidet oder, wie Heinrich von Kleist es in seinem berühmten Aufsatz über das Marionettentheater darlegt:

Die Linie, die der Schwerpunkt [der Bewegung] zu beschreiben hat, ... wäre ... etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie wäre nichts anders, als der Weg der Seele des Tänzers; und er zweifle, daß sie anders gefunden werden könne, als dadurch, daß sich der Maschinist in den Schwerpunkt der Marionette versetzt, d. h. mit andern Worten, tanzt. [Kleist 1984: 85 f., Hervorhebung und Auslassungen i. O.]


Der Tanz bietet eben kein OBJEKT; er ist ein Vorgang, der „dem Versuch seiner Feststellung derart sich entzieht, dass dabei nur noch die demonstrierbaren Randeigenschaften einer Gestalt übrig bleiben“ [Plessner 1974: 128] – also Bilder, Skulpturen, Fotos … Was aber nicht dauern kann, ist das immerwährende „Werden“ des Tanzes, jene „Akzentuierung im Jetzt“ der schieren Möglichkeit, wie Plessner das genannt hat.

Wir bestimmen den Tanz also über eine Eigenschaft, die recht eigentlich gar keine ist, nämlich das Nicht-Sein des Tanzes, seine Spurlosigkeit, seine ewige Gegenwart.

Aber warum sollte sich diese Gegenwart nicht bannen lassen? Was soll das heißen: Der Tanz ist nur dadurch, dass er nicht ist? Und sobald er ist, was er sein möchte – ein Objekt, eine Aussage, eine Realität –, hört er auf, Tanz zu sein?

Sind das nicht bloß rhetorische Spielereien? Wir SEHEN doch den Tanz sich ereignen, vor unseren Augen, unzweifelhaft, berührend, schön, persönlich, humanistisch, gewaltig, bedeutsam oder zart … Jedenfalls sehen wir ihn als eine Realität, die ein ihm eigenes Wissen, ihm eigene Regeln, eine ihm eigene Wahrheit vermittelt.

Oder nicht?

Doch, natürlich!, ruft die Praxis.

Aber welche Wahrheit soll das sein?, fragt die Theorie zurück.

 

 


Dieser Text ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrages im Rahmen der Reihe „Archiv – Bewahrung – Wissen. Das Phänomen und die Spur“. Essen: PACT Zollverein, 6. Mai 2006.

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