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Diskretisierung der Bewegung

 

 

Der Komponist Philipp Glass vertonte einmal Tanztheater zum Thema Eadweard Muybridge (The Photographer, 1983). Der chronophotographische, also medienarchivische Begriff von rhythmischer Bewegung korrespondiert hier mit der mathematischen, algorithmischen Natur von Minimal Music.

Zenon von Elea formuliert im 5. Jh. v. Chr. das Paradox, dass Archilles im Wettrennen die Schildkröte, sofern diese nur am Anfang einen gewissen Vorsprung hat, nie einholt. Dieses Paradox aber ist ein Produkt des Denkens in Messintervallen, in  diskreten Beobachtungswerten, mithin der Chronophotographie (deren Rückbezug zum Tanz bei Marey und Muybridge evident ist). Das Gedankenmodell ist die Photoreportage dieses Rennens alias Chronophotographie:

Immer wenn Achilles den Punkt erreicht, an dem die Schildkröte zuvor war, nehmen Sie ein neues Foto auf. Diese Fotoreihe nimmt kein Ende. Angenommen, Sie und Ihr Fotoapparat arbeiten unendlich schnell, dann erhalten Sie eine unendliche Anzahl an Fotos. <...> Achilles wird die Schildkröte nie einholen. [Ryan 2007: 41]

Denken wir dengleichen Prozess aber nicht schrittweise (und diskretisieren ihn nicht chronophotographisch als Effekt des Messmediums), sondern als konstante Geschwindigkeit Achills, der eben nicht schrittweise seinen Lauf unterbricht, überholt er - trotz einer unendlichen Anzahl von denkbaren Schritten - die Schildkröte. Das Diskrete (quantisiert, "gesampelt", getaktet) steht hier gegen das Analoge.

Der Schritt (frz. pas) ist das kleinste Element des Tanzes und  das Produkt einer Analyse, die am Vokalalphabet geschult ist, also ein kulturtechnisches Training, scheinbaren Fluss (wie die gesprochene Sprache) in kleinste diskrete Einheiten aufzulösen (und damit auch synthetisierbar zu machen).

Das Derby in Epsom. Copyright zsloot (flickr).

Die Chronophotographie entstammt einer daran hängenden Wette, nämlich der Preisfrage des Pferdefarmbesitzers Leland, ob Malerei von Pferden im Galopp die Wahrheit der Bewegung zeige oder nicht: Gibt es einen Moment, in dem alle Hufe vom Boden abgehoben sind?[3] Die zur (positiven) Beantwortung dieser Frage entwickelte Methode der Chronophotographie zeitigt am Ende die Bewegung im Sinne der Definition von Aristoteles, nämlich als Auflösung der Dynamik in diskrete Intervalle.

Aristoteles insistiert: Jede Veränderung, jede Bewegung findet in der Zeit statt; ja Zeit gibt es mithin erst als Bewegung. Seine vielzitierte Definition "Zeit ist Zahl der Bewegung bezüglich früher und später" [Aristoteles 1979: 113, §219b1-2] macht deutlich, dass dieser Begriff von Zeit bereits eine theorieästhetische Funktion des Alphabets ist - desgleichen Alphabets, das laut Derrick de Kerckhove die Grundlage des altgriechischen Theaters ist. [de Kerckhove 1995] Tanz als Verschränkung von Zeit und Bewegung ist einerseits als Unterstellung einer absoluten "mathematischen" Zeit (im Sinne Isaac Newtons) messbar; die andere Perspektive aber sieht im Tanz selbst eine differentiale zeiträumliche Verschränkung, eine Zeitsetzung.

Luigi Russolo malt 1912/13 den Dynamismus eines Automobils in Öl auf Leinwand (also seinerseits mit liquider Materie im gestischen Vollzug). Dem stellt Bragaglia eine wahrhaft medienarchäologische Alternative entgegen: seinen (schon bei Marey ansatzweise experimentierten) Photodynamismus, der die Belichtungszeit (und damit Verzögerung) der Photographie nicht als Effekt, sondern als Mittel einsetzt, die Kontinuität einer Bewegung zu registrieren - womit sich die Photographie vom Buchdruck löst (in deren Tradition, Marshall McLuhan zufolge und in Anlehnung an Lewis Mumford, der Film als Ausdruck des Maschinenzeitalters noch steht), und wie es noch im präkinematographischen Zoëtrope anklingt.

Es war nur konsequent, als Wsewolod E. Meyerhold 1921 seine Höheren Regie-Werkstätten in Moskau auf der Basis des Taylorismus, also der quasi wissenschaftlichen Methode zur Optimierung von Arbeitsabläufen, gründete, unter dem Namen "Biomechanik". Doch Bergson kritisiert in Matière et Mémoire, dass gerade die Chronophotograpie den Charakter der Bewegung verfehle. [Braun 1992: 281] Die (ihrerseits chronographische) Alternative dazu ist die Bewegungsaufzeichnung nicht nach Maßgabe der alphabetschriftinduzierten Methode, sondern als Bewegungsschrift, etwa in Form von Étienne Jules Mareys Sphygmograph von 1860 (ein Pulsschreiber); die kymographische, also wellenschreibende Methode ist ihrerseits eine Alternative zu Muybridges Chronophotographie. Die Variante des Myographen (Marey 1866) registriert, hier schon ganz nahe dem Tanzschritt, die Zuckung von Froschschenkeln auf einem Kymographen - näher der Klangaufzeichnung denn der visuellen Schrift. Der Tanzschritt selbst wird vermessbar mit Mareys "Odographen", und Emile Douhoussets "Animal Mechanism" (1872) unterwirft auch den Pferdeschritt dieser Vermessung - womit wir bei Muybridges Urszene der chronophotographischen Animal Locomotion angelangt sind.

 

 


3 Siehe Géricault, Jean Luis Théodore. Das Derby in Epsom. 1821. Ölfarbe auf Leinwand, Paris: Musée National du Louvre

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