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Wissen von Bewegung: Kinematik





Einerseits ist Tanz eine kulturelle Artikulationsform; andererseits aber artikuliert sich im Tanz ein Wissen, welches nicht allein das des Menschen ist: Gesetze von Bewegung und Dynamik. Tanz wird von diesen Gesetzen als Medium des Zutagetretens gewählt. Soll nun Tanzwissenschaft ihr Gegenstandsfeld bis in diese Weiten hin ausdehnen, oder übergibt sie dies arbeitsteilig an eine Medienwissenschaft, die als Wissen um dynamische Prozesse gerade nicht auf die Kunstform beschränkt ist, analog dazu, wie Claude Shannon in einer notorischen Bemerkung (1949) unterstreicht, dass die mathematische Theorie der Kommunikation die semantischen Aspekte der Nachrichtenübertragung gerade unberücksichtigt lässt?

Der Theaterwissenschaftler Helmar Schramm definiert "Theatralität" nicht etwa als Verhältnis von Ästhetik, Kunsttanz und kultureller Semantik, sondern präziser als eine spezifische Relation von Aisthesis, Kinesis und Semiosis. [Schramm 2000] Diese Trias zu analysieren aber kommt einer genuinen Bewegungsforschung zu; ihre Analyse erfolgt mit technischen Messmedien, nicht mit verbaler Ekphrasis.

Claudia Jeschkes Studie Tanz als BewegungsText liefert Ansätze, szenische Kulturkünste wie Theater und Tanz medienepistemologisch zu deuten; ihr verdanken wir den Ausdruck der "Theoriefähigkeit von Bewegung". [Jeschke 1999: 177] Ein solches Plädoyer läuft auf den Begriff von kinetischem Wissen hinaus: Tanzarchive können in epistemologischer Hinsicht für die Speicherung von Bewegungen, Kinetik allgemein zuständig sein, von Menschen und jenseits. Kinetische Energie ist als Form der Bewegung und damit als Fähigkeit eines bewegten Körpers, Arbeit zu leisten, definiert. Als Kunstform (Tanz) wird solche Energie Information, im Sinne der Definition der Nachrichtentheorie also: kalkulierte Unwahrscheinlichkeit.

Theoretische Kinematik, wie sie von Franz Reuleaux an der Technischen Universität zu Berlin entwickelt wurde [Reuleaux 1875], ist die Wissenschaft vom Gleichgewicht (der Statik) und von der Bewegung der Körper (Dynamik, Kinetik).

In der Kinematik wird allein die Bewegung (Lage, Geschwindigkeit, Beschleunigung) der Körper ohne Berücksichtigung der sich verursachenden Kräfte untersucht. Die Einbeziehung der Kräfte ergibt die Dynamik. [Eisenhardt 2006: 360]

Die analytische Durchdringung des Kinetischen gelingt keiner lebensweltlichen Alltagssprache mehr, sondern nur noch der Mathematik; diese hat dafür das mächtige Werkzeug der Differentialrechnung entwickelt (Leibniz, Newton) und vermag damit erstmals das Dynamische auf dem Weg über die Zeitachse zu integrieren. Auf Medienseite antwortet darauf die Elektrodynamik.

Rudolf Laban schreibt in seiner Choreographie: "Die Anfangsintensität (in Kraft, Zeit, Raum, Flucht) kann im Verhältnis zu vorangehenden oder nachfolgenden Bewegungen auch im An- oder Abschwellen begriffen sein" [Laban 1926: 76]; Bewegungen ohne diese Ein- und Ausschwingzeit (vertraut aus der Klanganalyse, analysiert durch Denis Gabor und synthetisierbar bis hin zu den heutigen Wavelets) "wirken mechanisch, unlebendig. Die harmonische Lebendigkeit der Bewegung verlangt einen dauernd fließenden Wechsel der Intensitätsnuancen" [Ebenda]. Damit betreten wir das symbolische Regime der mathematischen Analysis, im Unterschied zur schlichten Algebra. "Die Analysis übernimmt die herkömmlichen Regeln aus der Mathematik und wendet sie auf fließende, sich weiterentwickelnde Probleme an" [Ryan 2007: 31], etwa auf Phänomene der ungleichförmigen Beschleunigung, also das Wesen dynamischer Prozesse.

 

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