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Wahrnehmung von Bewegung: "Innervation" (von Helmholtz)

 

 

Die epistemologische Dimension des Tanzes ist keine philosophische Abstraktion, sondern enthüllt sich mitten im Vollzug von Körperwelten. "Innervation" ist der Prozess, mit dem der Physiologe Hermann von Helmholtz die Umsetzung von motorischen Impulsen in Bewegung benannte. Florian Schreiner ist im Rahmen seiner Recherchen für die Dissertation Musik und Gewalt [1] das Glück widerfahren, im Firmenarchiv von Siemens in München auf ein bislang unveröffentlichtes, undatiertes Manuskript aus der Feder von Helmholtz' zu treffen (Thatsachen der reinen Erfahrung. I. Das Sein). Darin beschreibt von Helmholtz das sensomotorische Gedächtnis, das die Grundlage unserer alltäglichen Bewegungen bildet, als "experimentelle Induction" und wählt damit einen Begriff, der nicht nur der logischen Schlussfolgerung entstammt, sondern auch der Entdeckung elektro-magnetischer Kraftverhältnisse durch Michael Faraday. Im sensomotorischen Gedächtis ist Bewegung als Option von Abläufen quasi algorithmisch archiviert - eher also als Schema denn als konkrete kinematographische Sequenz, ein generatives eher denn ein passives Archiv. Im Tanz wird diese physiologische Behandlung des Seins zeitkritisch konkret. Der Bewegungsimpuls, der durch Innervation der motorischen Nerven gegeben ist, verweist weniger auf Semiotik denn auf Signalverarbeitung. Zeitpunkte, von Helmholtz so genannte "Präsentabilia", bestimmen die tanzende Orientierung im Raum, und die Messmedien der Physiologie wurden entwickelt, solche zu archivieren, d. h. analysierbar zu machen. Das Tanzarchiv dient damit weniger der kulturemphatischen Bewahrung denn der Ermöglichung von Analyse.

 

 

 


 1 Eingereicht an der Phil. Fak. III der Humboldt-Universität zu Berlin, Dezember 2007

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