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Tanz und Archiv in Bewegung

 

 

Bekanntlich bleibt eine unerbittliche Differenz zwischen tatsächlichem und aufgezeichnetem oder gar errechnetem Tanz: Während reale Körper beim Tanz der Schwerkraft unterliegen, enthebt sie ihre technische Aufzeichnung davon wie die virtuellen Körper in Computerspielen den Gesetzen der Gravitation enthoben sind.

Für seine Angeheiratete, die Tänzerin Lavina Williams, entwarf Lew Theremin einst eine gewaltige Theremin-Vox, die nicht nur nahe Handbewegungen, sondern tänzerische Bewegungen unmittelbar in sonische Artikulation umzusetzen vermochte; hier geschieht die "Musik" durch die kunstvolle und kunstwollende Veränderung des elektromagnetischen Feldes, das die Apparatur mittels zweier Schwingkreise und Antennen ausstrahlt, durch den Körper, der durch seine Erdung eine kapazitive Kopplung variabel herstellt. "Verkehrte Welt: Nicht mehr der Tänzer bewegt sich nach der Musik, die Musik entsteht aus der Bewegung des Tänzers." [Skolnik-Nipkau 1995]

In 3D-Räume umgerechnet, wie etwa in der Installation Le Sacre du Printemps von Klaus Obermaier, die auf der Ars Elecronica Linz 2007 (Futurelab) eine 3D-Projektion der Bearbeitung von Strawinskys Stück präsentierte, fehlt dem Archiv das Wissen um dieses Newtonsche Gesetz, und statt dessen erfolgt eine Übersetzung in den Einstein-Raum. Gegenüber den (so Carl Hegemann) "Chimären der virtuellen Physiognomie", wie sie in den "physics"-Engines der Computerspiele programmiert werden, setzt der körperliche Tanz auf den Widerstand des Materials. Schauspieler und Tänzer aus Fleisch und Blut erscheinen so als Retroeffekt ihrer digitalen Simulierbarkeit (frei nach Jean Baudrillard).

Das Verhältnis von Tanz und Archiv ist keines von aktualer Gegenwart und aufgespeicherter Vergangenheit; das Archiv der Bewegung greift vielmehr auf die Bühne der Präsenz selbst über, wenn - wie in dem von Gisela Dilchert und Christina Ciupke choreographierten Tanz unter dem Titel Bild / Bewegung 002 (Berlin, Stadtbad Oderberger Straße) - Dias auf die Haut der Tänzer projiziert und damit in Bewegung gesetzt werden.

Technologische Zeitachsenmanipulation ist nur im Spiel mit ultrakurzer Zwischenspeicherung möglich, und von daher mit dem neurobiologischen Schematismus unserer Wahrnehmung gegenwärtiger Bilder (der "Gegenwartsdauer" von bis zu drei Sekunden Ausdehnung des sogenannten Jetzt) selbst verwandt. Erst Messmedien kleinster Zeitmomente enthüllen dieses mikrozeitliche, mithin zeitkritische Element am Tanz.

 

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