BEWEGUNG UND ARCHIV
Ein medienarchäologischer Zugang zum Tanz
Wolfgang Ernst (Berlin)
Die technische Adressierbarkeit von Bewegung
Während alphabetische Schrift eher das Programm, das Skript, ja die Ermöglichung von Theaterrollen und Dramaturgien bildete [de Kerckhove 1995], kann das Bühnenereignis selbst nur von solchen Medien registriert werden, die der Bewegungsaufzeichnung selbst fähig sind. Eine solcherart transitive Dokumentation von Tanz und Performance durch technische Medien ist jedoch mehr als ein Akt des Gedächtnisses, es ist eine Transformation. Video(choreo)graphie wird somit zum Subjekt wie zum Objekt des Tanz"archivs". Längst ist die analoge Videokamera als live-Medium in die Inszenierungen selbst gewandert (bei Frank Castorf, René Pollesch, Bsp. Anjo Negro) [Irmer 2004]. Sobald aber die Daten von den tanzenden Körpern (durch tracking etwa) diskret abgetastet werden, ergreift das Archiv die tanzende Gegenwart. Denn was einmal in Form digitaler, streng gesagt: mathematisierbarer Daten erfasst ist, lässt sich Bewegungsanalysen unterwerfen, wie sie die Analysis auf symbolischer Ebene entworfen haben und prozedurale, operative Medien selbst in Vollzug zu setzen vermögen, namentlich die automatisierte Analyse von Film- und Videosequenzen. [Böszörmenyi/Tusch 2003]
Ein leitmotivisches Stichwort der Wiener Tagung Digital Formalism lautete "digitizing the senses"; hiermit wird treffend auf den Begriff gebracht, was der epistemologische Witz an den grob benannten digitalen Technologien ist: dass sie den Menschen auf der Ebene seiner Sinne selbst, seiner neurologischen Funktionen, ebenso abzuholen, zu emulieren vermögen, und damit auch mitten ins Herz menschlichen Daseinsgefühls treffen, indem sie nämlich seinen Zeitsinn nicht nur adressieren, sondern ergreifen, ja massieren (im Sinne von Marshall McLuhan und Quentin Fiore).

